Schule Brühlberg
Schulpräsident Felix Müller zum Lehrerexodus: «Wir wollen nach vorne schauen»

Schulpräsident Felix Müller will die Krise in der Schule Brühlberg in Winterthur hinter sich lassen, auch wenn er noch immer nicht weiss, weshalb so viele Lehrer gehen. Zurücktreten will er nicht, die Schulpflege habe «alles versucht».

Mirko Plüss und Michael Graf
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Felix Müller an der Pressekonferenz von Dienstag, in der er über das weitere Vorgehen informierte.

Felix Müller an der Pressekonferenz von Dienstag, in der er über das weitere Vorgehen informierte.

MARC DAHINDEN

Herr Müller, als vor zwei Monaten alle Klassenlehrkräfte im Brühlberg die Kündigung einreichten, zeigten sie sich sehr überrascht. Kennen Sie nach Ihren eingehenden Recherchen nun den Grund für den Exodus?

Felix Müller: Was alles lief und nicht lief, entzieht sich noch immer meiner Kenntnis. Ich kann keinen klaren Grund benennen. Jetzt wollen wir aber nicht zurück-, sondern nach vorne schauen. Die Kündigungen haben einen grossen Prozess innerhalb der Schulpflege ausgelöst.

Das ging nicht reibungslos über die Bühne. Hat der komplexe Fall die Grenzen des Laiensystems Schulpflege aufgezeigt, ist die Behörde überfordert?

Wir sind tatsächlich sehr gefordert. Immerhin haben wir aber ein 100-Prozent-Präsidium, in einer Landgemeinde mit weniger professionellen Strukturen wäre die Herausforderung noch viel grösser.

Nun hat am Montag die zuständige Schulleiterin die Kündigung eingereicht. Sie stand schon länger in der Kritik, ist der Schritt eine Kapitulation vor den unzufriedenen Eltern?

Das kann ich nicht beurteilen. Sie stellte wohl aber auch fest, dass gute Lösungen durch den Widerstand aus der Elternschaft erschwert werden.

Konflikt an der Schule Brühlberg

Mögliche Konsequenz: Klassen mit bis zu 28 Kindern

Im März kam es zum Eklat, als alle acht Klassenlehrkräfte der Schule Brühlberg in Winterthur per Ende Schuljahr gekündigt hatten. Es war der dramatische Höhepunkt eines seit Jahren schwelenden Konflikts mit der Schulleitung und dem Schulpflegepräsidenten Felix Müller (ehemals Grüne). Auch die Eltern protestierten und haben unter anderem eine Aufsichtsbeschwerde beim Bezirksrat eingereicht. Sie forderten die Absetzung der Schulleiterin und den Rücktritt von Felix Müller. Diesen verlangt unterdessen sogar seine eigene Partei, die Grünen. Er trat kurzerhand aus der Partei aus. Am Dienstag lud der kritisierte Schulpräsident des Kreises Stadt-Töss erstmals zu einer Pressekonferenz. Müller bekräftigte, dass sich seine Schulpflegemitglieder intensiv mit der Lehrersuche befassen.

Er machte zudem bekannt, dass die ebenfalls kritisierte Schulleiterin nach längerer Absenz die Kündigung eingereicht habe. Gesucht wird deshalb auch für sie eine Nachfolge. Im Brühlberg-Schulhaus wird wegen der Krise die Schulstruktur umgestellt. Statt wie bisher drei Jahrgänge in einer Klasse werden künftig nur noch zwei Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet. Eine Primarschulklasse fällt ganz weg. Die präsentierten Optionen dürften bei den Eltern auf wenig Gegenliebe stossen. Sollen alle Kinder im Brühlberg bleiben, braucht es dazu übergrosse Klassen mit bis zu 27 oder im Ausnahmefall gar 28 Kindern. Eine solche Klasse würde durch eine zusätzliche Lehrperson entlastet. Die andere Option: Vier bis acht Kinder werden in ein anderes Schulhaus umgeteilt, voraussichtlich ins Neuwiesen. Bevor sich die Schulpflege entscheidet, will sie die Reaktionen der Eltern abwarten. Felix Müller verteidigt im Interview diese Pläne. Seinen Rücktritt schliesst er aus. (mpl/mig)

Wie teilweise befürchtet wurde, ändert die Brühlberg-Schule ihr Unterrichtskonzept. Aus welchem Grund?

Die ganze Schulpflege hat sich hinter dieses Konzept gestellt. Nach dem Weggang der acht Lehrpersonen war klar, dass das Konzept des altersdurchmischten Lernens nicht gehalten werden kann, das pädagogische Know-how ist definitiv weg. Aus der zeitlichen Not heraus haben wir das System geändert.

Manche sagen, Sie hätten diese Änderungen insgeheim seit Jahren geplant.

Das ist nicht wahr. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass das Schulhaus mit dem altersdurchmischten Lernen weiterlebt. Ich wüsste nicht, wo und wann ich mich jemals anders dazu geäussert hätte. Das Konzept stand nie zur Debatte.

Sie mussten persönlich in den letzten Wochen viel Kritik einstecken. Auch Ihre Partei, die Grünen, wendete sich von Ihnen ab. Ein Rücktritt ist jedoch für Sie kein Thema und Sie schliessen auch eine erneute Kandidatur in einem Jahr nicht aus. Braucht es Sie denn so unbedingt?

Das habe ich nie behauptet, aber zum jetzigen Zeitpunkt mache ich mir diese Gedanken nicht. Wir müssen jetzt das Thema Brühlberg erledigen. Der Bezirksrat hat mich zudem auf die Folgen eines sofortigen Rücktritts hingewiesen.

Der Bezirksrat als gesetzliche Aufsichtsbehörde der Schulpflege hat Ihnen vom Rücktritt abgeraten?

Nein, der Bezirksrat wies mich einfach darauf hin, dass ein Rücktritt zu weiteren Verzögerungen führen wird. Die Unterschriftsberechtigung für die Anstellung von neuen Lehrern, die nur ich als gewählter Präsident habe, würde nicht von heute auf morgen an jemand anders weitergegeben werden können. Und ich muss mich ja auch noch um die anderen Schulen kümmern, dort gibt es sehr viel Aufholarbeit.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Vorbereitung für das nächste Schuljahr wird verzögert. Man muss die Schüler-Lehrer-Zuteilung in der Sonderpädagogik vornehmen, und das bald. Ganz allgemein sind die Schulleitungen in meinem Kreis bei vielen Problemen auf sich gestellt.

Sie haben mittlerweile eine Kommunikationsfirma zu Hilfe geholt. Wie viel kostet das?

Dazu sage ich nichts, aber die Experten sind sehr hilfreich, es braucht in einem solchen Notfall Spezialisten.

In der Kritik stand auch immer wieder Ihre Kommunikation in der Krise. Gab es Versäumnisse, hätten Sie früher oder anders informieren sollen?

Nein, zumindest in diesem Schuljahr haben wir alles versucht. Wir haben allen Beteiligten Gesprächsangebote gemacht, gerade auch dem Elternrat. Dass ein Teil der Eltern nicht mit uns reden will, finde ich schade.

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