Zürich

Stereo Luchs-Sänger: «Wenn man jung ist und wenig Geld hat, hat man die beste Zeit»

Der Zürcher Musiker Stereo Luchs geht diesen Herbst erneut auf Tour. Unter anderem wird er auch im Kaufleuten auftreten.

Der Zürcher Musiker Stereo Luchs geht diesen Herbst erneut auf Tour. Unter anderem wird er auch im Kaufleuten auftreten.

Silvio Brunner, der als Stereo Luchs bekannt ist, spricht über seine Musik, Geld, Wildtiere und Tagebucheinträge.

Bei ihm tanzen Wörter und Vibes im Takt. Seine Songtexte sind intim und melancholisch: Der Zürcher Dancehall-Sänger Stereo Luchs geht im Herbst mit seinem dieses Jahr veröffentlichten Release «Off Season» auf Tour. Die Limmattaler Zeitung hat Silvio Brunner, wie er eigentlich heisst, zum Interview getroffen.

Gibt es eine Frage, die Sie ungern beantworten?

Silvio Brunner: Fragen wie «Was machst Du eigentlich?» oder «Arbeitest Du nicht mehr?» Ich spreche bei Interviews nicht gerne über mein bürgerliches Ich. Denn diese Fragen haben meist nicht viel mit meiner Musik zu tun. In der Schweiz ist das Phänomen dieser Neugierde besonders ausgeprägt, da wir keine so ausgeprägte «Star»-Kultur haben. Was ja auch seine Vorteile hat.

«Stereo Luchs» ist ein besonderer Künstlername. Woher kommt er?

Der Name ist ein Überbleibsel aus meinen Oldschool- und Reggae-Anfängen Er bezieht sich auf Musikkünstler der 1980er-Jahre wie beispielsweise die Jamaikaner Super Cat oder Mad Cobra. Ich wollte eine schweizerdeutsche Variante davon machen – und der Luchs ist das einzige grosse Raubtier, das es in der Schweiz noch gibt.

Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und einem Luchs?

Das war zwar nie der Grund für meinen Künstlernamen, aber wenn man sie sucht, dann gibt es wahrscheinlich schon Parallelen. Ich bin ein Einzelgänger und daher oft allein unterwegs. Ich schleiche durch die Stadt und mache mein Ding.

Ihr Studio ist in Ihrer Wohnung. Wo schleichen Sie in der Stadt herum, wenn Sie nicht gerade am Musik produzieren sind?

Da gibt es ganz viele verschiedene Orte, aber im Alltag bin ich gerne am Albisriederplatz, weil dort viel Chaos herrscht. Tagsüber bin ich den ganzen Tag mehrheitlich im Studio, deshalb mag ich es, wenn für eine Stunde etwas Action ist. Für eine Auszeit bin ich gerne am Wasser.

Wie sind Sie zu Ihrer Musik gekommen?

Das hat sich langsam entwickelt: In den 1990er-Jahren habe ich viel Hip-Hop, Reggae und Dancehall gehört. Meine Kollegen und ich haben dann andere Beats ausprobiert und immer mehr Freude daran bekommen. Das erste Album hiess «Style Generator» und war recht nerdy. Seitdem versuchte ich konstant moderner zu werden und mehr Einflüsse zuzulassen.

Wie ist der Zustand des Schweizer Reggae, insbesondere des Zürcher Reggaes? Ist der Hype nicht etwas vorbei?

Das Fundament meiner Musik ist Dancehall und Hip-Hop. Ich möchte mich selbst in meinem Musikstil nicht einschränken. Aber es stimmt, grosse Exponenten gibt es nicht mehr viele. Die Szene war schon lebendiger, doch inzwischen gibt es wieder viele Livebands. Mittlerweile ist Reggae mehr mit Hip-Hop zusammengeschmolzen.

Woher haben Sie die Inspiration für Ihre Musik?

Das ist sehr unterschiedlich: Die Vorstellung, dass ich irgendwo in einem Café sitze und mir ein Song einfällt, ist sehr klischeebehaftet, kann jedoch durchaus vorkommen. Ansonsten versuche ich, meine Inputs zu pflegen. Ich schaue viele Dokumentationen, lese oder höre jegliche Musik-Genres. So erhalte ich möglichst viele Inputs und kann diese in meinem Unterbewusstsein abspeichern. Zudem handeln meine Songs vom Alltag oder der Liebe.

Ihre neue EP «Off Season» besteht fast ausschliesslich aus Lovesongs.

Richtig. «Off Season» handelt von einer neuen und einer alten Beziehung. Die EP handelt zudem von dieser Lockerheit und Ungewissheit in den heutigen Beziehungen, also quasi «Status kompliziert».

Von dieser Unverbindlichkeit sprechen Sie auch im Song «2 Blaui». Was halten Sie von diesem Phänomen?

Es hat gute und schlechte Seiten. Ich glaube, es ist niemand unglücklich, dass man nicht mehr die erste Person heiraten muss, die einem vorgestellt wird. Wir waren noch nie freier und unabhängiger, doch genau darin kann man sich auch verlieren. Auch das Handy spielt dabei ein grosser Faktor, alles wurde dadurch moderner, einfacher und es entstand eine neue Form von Kommunikation, die aber auch viele Missverständnisse herbeiführt. So weiss man nie genau, was Sache ist, und viele sind dadurch verwirrt.

Seine musikalische Karriere begann Ende der 1990er-Jahre als DJ.

Seine musikalische Karriere begann Ende der 1990er-Jahre als DJ.

Ihre Songtexte basieren auf persönlicher Erfahrung. Haben sie nicht das Gefühl, dass sie zu intim sind?

Nein, denn ein guter Song ist kein Tagebucheintrag. So würde er zu ungefiltert und persönlich wirken. Die Gefühle müssen von einem persönlichen Ort herkommen und dann in einen Song umgesetzt werden. Vergleichbar wie in einem Film, der auf wahren Begebenheiten basiert, wo gewisse Stellen angepasst oder weggestrichen werden.

Im Song «Millions» rappen Sie, dass der Tropfen, den Sie von der Tankstelle kaufen und im Plastikbecher trinken, genauso gut schmeckt wie Dom Pérignon. Sind Sie wirklich so bescheiden?

Das ist wahr. Doch für mich stimmts so – ich war schon immer jemand, der es gewohnt ist, wenig Geld zu haben. Wenn man jung ist und wenig Geld hat, hat man die beste Zeit. Ich habe es noch nie vermisst.

Was ist Ihr grösster Traum? Wo möchten Sie sich noch weiterentwickeln?

Vielleicht sollte man keinen abschliessenden Traum definieren. Ich bin froh, dass sich bei mir stets etwas weiterentwickelt hat, sei es an einem neuen Ort aufzutreten oder mit einem neuen Künstler zusammenzuarbeiten. Stück für Stück kommen immer neue Möglichkeiten dazu, die man sich nicht hätte vorstellen können. Aber ich hoffe, dass die Leute in zehn Jahren noch meine Songs hören.

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