Zürich

Welche Farbe hat Zürich? Nebst beige und grau hat die Limmatstadt diese bunten Ecken zu bieten

Beim Spazierun durch Zürich fällt auf: Bezüglich Farbe halten sich viele Häuser oft erstaunlich lasch. Das Institut des Hauses der Farbe hat deshalb Porträts von farblich gelungenen Gebäuden entworfen.

Das Haus der Farbe ist eine graue Maus. Zumindest von aussen. Versteckt liegt es im Industriegebiet von Neu-Oerlikon. Die Fassade der Fachschule für Gestaltung ist hell gestrichen, nur der Schriftzug über dem Eingang trägt Rot.

«Bei Farbe denken viele Leute an bunt – und verbinden Buntheit mit Fröhlichkeit», sagt Marcella Wenger, Farbgestalterin und Co-Leiterin des Instituts. Doch wenn es um den Farbraum einer Stadt geht, dann macht bunt selten glücklich. «Würde Farbe tönen, wäre bunt laut – grelle Farben sogar wie ein visueller Tinnitus.»

Farbe prägt Orte, nimmt sie in Beschlag und beeinflusst die Aufenthaltsqualität. Was gefällt und was nicht, sei nicht nur eine Frage des Geschmacks, sagt Stefanie Wettstein, Leiterin vom Haus der Farbe. Beim Thema der Farbigkeit von Architektur gehe es darum, visuell zu argumentieren. «Jeder Ort hat seine Farbigkeit, über Jahrhunderte gewachsen. Im Idealfall wird diese Farbkultur gewürdigt. Nicht indem sie kopiert, sondern weiterentwickelt wird.»

Ein besonderer Stadtplan

Bei Bauvorhaben seien die Vorgaben bezüglich Farbe oft erstaunlich lasch. Wenn es in der Ausschreibung heisse, die Gebäudefarbe müsse sich «befriedigend einordnen», sei das natürlich sehr schwammig formuliert. Die Resultate seien dann nicht immer befriedigend. «Oft wirkt ein Gebäude banal, weil man sich bei der Farbwahl nicht genügend mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder Kompromisse eingegangen ist», sagt Wenger. Die Disziplin der Farbgestaltung ist facettenreich. Die riesige Palette der Möglichkeiten überfordert viele.

Das Institut des Hauses der Farbe hat deshalb Porträts von farblich gelungenen Gebäuden entworfen. Die Kärtchen zeigen Häuser der ganzen Stadt. Auf der Vorderseite wird das Haus beschrieben, auf der Rückseite sind alle seine Farben nach Quantität und relevanter Nachbarschaft aneinandergereiht. Jedes steht für ein jeweiliges Quartier oder ein prägnantes Einzelobjekt und dient als Referenz.

Anhand der Porträts können Bauherren, Architekten und Stadtplaner prüfen, wie beispielsweise Gelb zu einem bestimmten Ortsteil passt – und besonders welches Gelb. «Oft sind es Nuancen, die entscheiden, ob sich die Farbe mit dem Charakter des Lokalkolorits verträgt oder nicht», sagt Wettstein.

Dann breitet sie einen Stadtplan aus, auf dem die vorherrschenden Farben Zürichs zu sehen sind – Farbtupfer neben Farbtupfer. Über 800 Farbtöne wurden erfasst, um sie dann nach Farbfamilien auf 100 zu reduzieren. Entlang der Bahnhofstrasse sieht man auf der Karte graue und beige Punkte, am Zürichberg mit seinen vielen Villen vor allem weisse und unbunte. «Grau kann besonders schön sein», sagt Wenger, man müsse es immer im Kontext zur gesamten Komposition sehen.

Nicht so begeistert tönt ihr Kommentar zur Europaallee. Die einzelnen Bauten hätten viele hochwertige Oberflächen und Details. Insgesamt aber wirke der Ort überdosiert – es fehlten Volumensprünge und Kontraste. «Manchmal hat es an einem Ort zu viel vom Guten, vergleichbar mit einem Buffet mit lauter Filetstücken – auch das Exklusivste wird banal, sobald es als Masse erscheint.»

Die buntesten Hunde stehen in Neu-Oerlikon

Zu den bunten Ecken der Stadt zählen Wollishofen und die historischen Gebäude der Augustinergasse. Letztere sind Zeugen einer Bewegung, die in den 1920er-Jahren das Volk mit farbigen Fassaden erfreuen wollte. Farben sind oft auch politische Statements.

«Die buntesten Hunde», sagt Wettstein, stehen aber in Neu-Oerlikon. Der Grund: Nach dem Niedergang der Industriebetriebe gab es auf einmal viele freie Flächen, keinen urbanen Kontext. «Man konnte sich austoben.» Auf einem Rundgang zeigen die Expertinnen die Vielfalt dieses Stadtgebiets.

Gleich neben dem Haus der Farbe geht der Blick zunächst in den Innenhof einer Wohnsiedlung, die man nicht unbedingt als bunten Hund bezeichnen würde. Die Gebäudeflächen sind materialfarbig grau. Dafür kommen die begrünten Aussenräume, die gelb-weissen Sonnensegel und die Spuren des alltäglichen Treibens besser zur Geltung.

Auch der nächste Bau, ein Bürokomplex, gefällt den beiden. Er steht für den Rot-Trend zu Beginn der 2000er-Jahre. «Das Gebäude ist präsent», sagt Wettstein. «Aber es hat keine Allüren, es hat der Versuchung widerstanden, sich zu wichtig zu machen.» Dazu tragen auch die Hell-dunkel-Konturen der Fenster bei.

Kritischer ist die Beurteilung im Oerlikerpark. Ins Augen stechen zwei benachbarte unterschiedliche Häuserfronten in Blau- und Grüntönen. Ein Haus scheint sich dem andern anzubiedern. Es fehlt die Eigenständigkeit. «Es ist wie bei einem Ehepaar, das sich gleich kleidet», sagt Wenger. «Das ist einem immer ein wenig suspekt.»

Interessant sei die Verwendung von Blau. Diese Farbe ist in der Architektur selten zu sehen. «Als Anstrichstoff war Blau teuer und technisch schwierig einzusetzen», sagt Wettstein. Heute sei das nicht mehr so. Doch blaue Gebäude irritierten noch immer, auch weil man sie sich nicht gewohnt sei.

Am Ende des Rundgangs zeigen die beiden auf eine Altersresidenz. Der Farbwechsel in Limettengrün an der Kante des Betonbaus lockt in den Innenhof. «Die Farbe wirkt wie ein Versprechen, es zieht einen ins Innere», sagt Wenger. Ihr gefällt, dass hier eine Farbstrategie zu erkennen ist. Im Hof sind die Fassaden im gleichen Limettenton gestrichen. Die Farbe ist so dominant, dass auf den hellen Fenstereinfassungen ein Simultankontrast entsteht: Ein Phänomen, bei dem das menschliche Auge, sobald es auf eine neutrale Fläche schaut, unweigerlich die Komplementärfarbe sieht. In diesem Fall entsteht ein irritierender violetter Schimmer. Angenehm ist das nicht. «Die Farbwahl war einst sehr modisch, darum ist es heute auch eindeutig von gestern», sagt Wenger. «In erdigem Ocker hätte die Farbstrategie ebenso gut funktioniert – vielleicht hätte es so eher das Zeug zum Klassiker.»

Der kurze Spaziergang durch Neu-Oerlikon gibt einen Geschmack der breiten Farbpalette von Zürich. Doch welche Farbe hat die Stadt nun, wenn man sie mit einer einzigen beschreiben müsste? «Grau!», ruft Marcella Wenger schnell und lacht. «Nein, das darf ich als Bernerin nicht sagen.» Dann überlegt sie und sagt schliesslich: «Wenn ich an Sandstein denke, dann ist Bern grün, Biel gelb und Basel rot. Zürich ist beige – und ein wenig grau.»

Das Haus der Farbe in Zürich Oerlikon ist eine Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur. Es bildet Berufsleute aus, forscht und bietet auch Beratungen an.

Meistgesehen

Artboard 1