Zürcher Stadtratswahlen
Min Li Marti oder Simone Brander soll verlorenen SP-Sitz zurückerobern

Ein Sitz im Zürcher Stadtrat wird 2022 sicher frei – und hart umkämpft: Jener von Richard Wolff (AL), der bei den Wahlen nicht mehr antritt. Die SP schickt Min Li Marti und Simone Brander ins Rennen. Doch auch andere Parteien sind scharf auf den AL-Sitz.

Matthias Scharrer
Drucken
Teilen
SP-Nationalrätin Min Li Marti (rotes Kleid) und SP-Gemeinderätin Simone Brander wollen in den Zürcher Stadtrat.

SP-Nationalrätin Min Li Marti (rotes Kleid) und SP-Gemeinderätin Simone Brander wollen in den Zürcher Stadtrat.

Sandra Ardizzone

Man sagte in Zürich einst, es sei schwieriger, die parteiinterne Kandidatenkür der SP zu überstehen als dann vom Volk in den Stadtrat gewählt zu werden. Ob das auch für Min Li Marti und Simone Brander gilt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls hat die Parteileitung am Dienstag Nationalrätin Marti und Gemeinderätin Brander ins Rennen geschickt. Wer von ihnen bei den Wahlen am 22. Februar 2022 neben den bisherigen SP-Stadtratsmitgliedern antritt, entscheidet die Delegiertenversammlung der SP Zürich am 26. August.

Marti gilt als Favoritin, nachdem SP-Nationalrätin Jacqueline Badran sich aus dem Rennen genommen hat. Marti stand bereits 2013 in den Startlöchern, musste damals aber Raphael Golta das Feld überlassen. Die heute 46-Jährige war fast 14 Jahre lang Zürcher Gemeinderätin, davon sechs Jahre als Fraktionschefin, ehe sie 2015 in den Nationalrat wechselte. Beruflich ist sie Verlegerin und Chefredaktorin der SP-nahen Zeitung P.S. Mit diesen Worten eröffnete sie am Dienstag im Café Boy ihren Wahlkampf:

«Mich fasziniert, wie wichtig die städtischen Dienstleistungen für die Menschen in Zürich sind.»

Sie sprach sich für einen starken Service public, sozialen Ausgleich und mehr günstige Wohnungen aus. Um das in der Gemeindeordnung verankerte Ziel von einem Drittel gemeinnütziger Wohnungen zu erreichen, müsse die Stadt eine aktivere Rolle auf dem Wohnungsmarkt spielen.

Brander kämpft für mehr Velowege

Brander, seit 2009 Gemeinderätin, legte in ihrer Rede den Fokus auf die Verkehrspolitik. Sie wolle die vom Stadtzürcher Stimmvolk kürzlich angenommene Velorouteninitiative umsetzen. Zudem verwies die 43-Jährige auf die Stadtklima-Initiative, die sie vor drei Wochen mit dem Verein Umverkehr lancierte. Die Initiative verlangt, während zehn Jahren jährlich ein Prozent der Strassenfläche in Grünräume beziehungsweise in Flächen für den Fuss- und den Veloverkehr sowie den ÖV umzuwandeln.

Ihr verkehrspolitisches Engagement brachte Brander kürzlich eine Verurteilung durch das Bezirksgericht Zürich ein: Im Mai letzten Jahres war sie an einer sechsköpfigen Polit-Aktion beteiligt, bei der Aktivisten Veloweg-Zeichen und «Zürich autofrei» auf die Strasse sprayten, mit Atemschutzmasken und Abstand, wie Brander vor Gericht betonte. Das Gericht sah darin eine Verstoss gegen die Covid-19-Verordnung und brummte Brander Ende März eine bedingte Busse auf. Ihr Anwalt legte Berufung ein.

Beruflich ist Brander für die Energiefachstelle des Kantons Aargau tätig, nach Jahren in der Bundesverwaltung. Sie machte deutlich, dass sie gerne das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement übernähme, das nach den Wahlen wegen des Rücktritts von Richard Wolff (AL) frei wird. Doch das dürfte nicht ganz einfach werden.

Gerangel um das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement

Auch die AL will ihren Sitz verteidigen. Und die FDP hofft ebenfalls, den einst an Wolff verlorenen dritten FDP-Sitz zurückzuholen. Ausserdem liebäugeln die Grünliberalen mit einem zweiten und die Grünen mit einem dritten Stadtratssitz.

Die GLP zog 2018 mit Andreas Hauri erstmals in den Stadtrat, nachdem SP-Stadträtin Claudia Nielsen sich kurz vor der Wahl zurückgezogen hatte. Ein Grund waren Finanzprobleme beim Triemlispital-Neubau.

Hauri tritt ebenso wieder für den neunköpfigen Zürcher Stadtrat an wie Daniel Leupi und Karin Rykart (beide Grüne), Filippo Leutenegger und Michael Baumer (beide FDP) sowie Stadtpräsidentin Corine Mauch, André Odermatt und Raphael Golta (alle SP).

Welche neuen Kandidaten FDP, AL und allenfalls die Grünen und die GLP ins Rennen schicken, ist noch offen. Bei der FDP hat der Vorstand Kantonsrätin Sonja Rueff und Gemeinderätin Yasmine Bourgeois lanciert, bei der AL sind die Gemeinderatsmitglieder Walter Angst und Olivia Romanelli in den Startlöchern. Auch die SVP hat mit Nationalrat Alfred Heer Ambitionen. Sie ist seit 1990 nicht mehr im Zürcher Stadtrat vertreten.

Aktuelle Nachrichten