Zürich
Tierschützerin Susy Utzinger: «Als ich Videos sah, in denen Granaten im Tierheim explodierten, war das sehr schlimm»

Tierschützerin Susy Utzinger setzt sich nun auch für ukrainische Tiere ein. Die Zürcherin warnt vor unüberlegten Rettungsaktionen und erklärt, was eine gute Tierschützerin ausmacht.

Lydia Lippuner
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Susy Utzinger machte sich die Rettung von Tieren zur Lebensaufgabe: Seit dem Ukraine-Krieg wuchs ihr Arbeitspensum zusätzlich.

Susy Utzinger machte sich die Rettung von Tieren zur Lebensaufgabe: Seit dem Ukraine-Krieg wuchs ihr Arbeitspensum zusätzlich.

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Susy Utzinger ist eine der bekanntesten Tierschützerinnen der Schweiz. Nun hat die Zürcherin ihr 2017 veröffentlichtes Buch «Heimatlos – aus dem Tagebuch einer Tierschützerin» erweitert und wiederaufgelegt. Derzeit macht sie einen Besuch in Ungarn, wo ihre Stiftung einige Tierheime unterstützt. Im Interview erzählt sie, welche Auswirkungen der Ukraine-Krieg auf ihren Arbeitsalltag hat, was sie von Tierimporten hält und wo noch Lücken im Schweizer Tierschutz bestehen.

Wie veränderte sich Ihr Alltag als Tierschützerin seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges?

Susy Utzinger: Der Ukraine-Konflikt sorgte für viel Arbeit im Tierschutz. So kommt es nun öfters zu Feuerwehrübungen, da die Krise akut ist. Das heisst, wir mussten oft schnelle Überweisungen tätigen. Ich bin noch immer täglich im Kontakt mit unseren Partnern in der Ukraine.

Ihre Stiftung ist in 18 Ländern tätig. Hatten Sie bereits zuvor Partner in der Ukraine?

Wir haben vor zwei Jahren Material in die Ukraine geliefert. Nun haben wir einige Partner vor Ort. Wir können aber auch über Hilfsgütertransporte aus Bern Tierfutter liefern. Dank der guten Zusammenarbeit konnten wir unbürokratische Hilfe leisten. Bis jetzt haben wir rund 300’000 Franken Spenden für ukrainische Tiere erhalten und bald auch wieder ausgegeben.

Eine Ukrainerin aus Lwiew erhält Futter, das die Stiftung von Polen in die Ukraine bringen konnte.

Eine Ukrainerin aus Lwiew erhält Futter, das die Stiftung von Polen in die Ukraine bringen konnte.

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Für manche Leute mag es seltsam anmuten, dass Sie Katzennahrung in ein Kriegsgebiet senden.

Unser Job ist der Tierschutz. Wegen dieser Hilfe wird nicht weniger humanitäre Hilfe geleistet.

Was löst der Krieg bei den Tieren aus?

Viele Tiere leben verlassen auf der Strasse, Heime wurden zerbombt, mehrere hundert Tiere verhungerten kläglich, weil sie verlassen wurden. Auch auf Landwirtschaftsbetrieben starben Tiere, die angebunden und danach verlassen wurden. Die ganze Situation führte zu vielen unüberlegten Rettungsaktionen.

Was meinen Sie damit?

Die Ukraine ist ein Tollwutland. Wenn man Tiere schmuggelt, haben diese verloren. Weil sie allenfalls tollwütig sind, müssen aktuell beispielsweise Hunde in der Schweiz eingeschläfert werden. Viele unterschätzen die Arbeit eines Tierschützers. Tierliebe allein reicht da nicht.

Die Tierschützerin und Autorin Susy Utzinger mit ihren Hunden Zorga und Odin.

Die Tierschützerin und Autorin Susy Utzinger mit ihren Hunden Zorga und Odin.

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Was ist wichtig für tierliebe Gastfamilien, die geflüchtete Ukrainerinnen mit Haustieren beherbergen?

Die Tiere müssen geimpft sein. Wenn sie keinen Impfnachweis vorweisen können, muss man sie nachimpfen und danach für eine gewisse Zeit in Quarantäne halten.

Wie stehen Sie zum Trend, Tiere aus dem Ausland in die Schweiz zu importieren?

Ich freue mich über jeden Hund aus einem Tierheim, der einen Halter erhält. Hundehandel übers Internet finde ich aber inakzeptabel. Man muss das Tier vor Ort kennen lernen. So kann man seinen Seelenhund finden. Das ist für beide Seiten wertvoll.

Wie viele Seelenhunde haben Sie?

Ich habe drei. Eine Hündin aus Rumänien und zwei aus Ungarn. Eigentlich wollte ich nur zwei Hunde haben. Doch diese drei Tiere machen mich trotz der vielen Arbeit, die sie mit sich bringen, glücklich.

Es gäbe noch unzählige weitere Tiere, die man aus ukrainischen Tierheimen oder von der Strasse retten könnte.

Wir können die Strassentierproblematik für die Ukraine nicht sofort lösen. Das war bereits vor dem Krieg ein Thema. Nun müssen wir die ukrainischen Tierheime, die derzeit stark überbelegt sind, unterstützen.

Sie haben bestimmt entsetzliche Bilder aus der Ukraine gesehen.

Als ich erstmals Videos sah, in denen Granaten im Tierheim explodierten, war das sehr schlimm. Ich brauchte einen Moment, um das zu verstehen. Denn der Krieg betraf uns nicht nur auf Tierschutzebene. Er spielte sich auch nicht irgendwo in den Nachrichten ab. Wir hörten von uns bekannten Tierschützern, die getötet oder verletzt wurden.

Die Tierschutzorganisation leistet auch medizinische Hilfe für notleidende Tiere.

Die Tierschutzorganisation leistet auch medizinische Hilfe für notleidende Tiere.

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Wie gehen Sie mit dieser zusätzlichen Belastung um?

Anfangs hatte das ganze Team eine kurze Zündschnur. Doch bald wurde uns bewusst, dass wir nicht die Leidtragenden sind und uns deshalb hinten anstellen müssen.

Das heisst?

Wir tun das, indem wir gute Worte, aber auch finanzielle Soforthilfe und Futterlieferungen schicken.

Das Fahrzeug der Susy Utzinger Stiftung bringt Hilfsgüter für Tiere in Krisengebiete.

Das Fahrzeug der Susy Utzinger Stiftung bringt Hilfsgüter für Tiere in Krisengebiete.

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Der Krieg tobt bereits über zwei Monate. Wie sieht die aktuelle Situation bezüglich Tierschutz aus?

Es wird nun ersichtlich, dass das Ganze kein Sprint, sondern ein Marathon ist. Wir werden die Tierheime noch lange unterstützen müssen. Später werden wir auch Besuche vor Ort machen. Auch Krankheitsfälle von Tieren, die in die Schweiz kamen, werden uns beschäftigen.

Übernehmen Sie beispielsweise die Kosten für eine Krebsbehandlung eines Haustieres?

Auch wenn wir viele Anfragen für Operationen erhalten, übernehmen wir meist nicht die Rechnungen, sondern bieten massiv vergünstigte Sprechstunden an. Inzwischen haben wir auch dafür Spenden erhalten und können nun einige Tierarztrechnungen und weitere Operationen finanzieren. Kleinere Eingriffe können wir selbst vornehmen.

Was sind kleinere Eingriffe?

Impfen, Entflohen, Entwurmen, Kastrieren oder das Entfernen kleinerer Tumore. Die Tiere erhalten auch gratis Futter. Dabei sehen wir oft zu magere, aber noch öfter zu dicke Tiere.

Schützerin für heimatlose Tiere

Seit 2000 setzt sich Susy Utzinger mit ihrer Stiftung«Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz» international für Tiere in Not ein. Utzingers Organisation erhält dafür jährlich 2,5 Millionen Franken an Spenden. 2017 veröffentlichte Utzinger das Buch «Heimatlos – aus dem Tagebuch einer Tierschützerin». Die 5000 Bücher sind inzwischen ausverkauft. Nun hat die 53-jährige Zürcherin eine neue und erweiterte Auflage des Buches publiziert.
Seit 2000 setzt sich Susy Utzinger mit ihrer Stiftung
«Susy Utzinger Stiftung für Tierschutz» international für Tiere in Not ein. Utzingers Organisation erhält dafür jährlich 2,5 Millionen Franken an Spenden. 2017 veröffentlichte Utzinger das Buch «Heimatlos – aus dem Tagebuch einer Tierschützerin». Die 5000 Bücher sind inzwischen ausverkauft. Nun hat die 53-jährige Zürcherin eine neue und erweiterte Auflage des Buches publiziert.

Wie ist es um den Tierschutz in der Schweiz bestellt?

Wir können stolz sein auf unser Tierschutzgesetz. Nun müssen wir es nur noch anwenden. Aktuell haben wir ein grosses Problem mit der Massentierhaltung. Zudem sehen wir manchmal eine Tierliebe, die über die Grenzen geht.

Susy Utzinger möchte ihre Mitmenschen mit Informationen zu tiergerechteren Entscheidungen bringen.

Susy Utzinger möchte ihre Mitmenschen mit Informationen zu tiergerechteren Entscheidungen bringen.

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Können Sie ein Beispiel geben?

Es ist nicht gut, wenn Tiere Kleider anziehen müssen. Oder sie nicht mehr laufen dürfen. Das schränkt das Wohlbefinden ein. Oft erkläre ich den Leuten, dass ein Tier kein Accessoire ist.

Sie setzen sich für ein besseres Tierschutzwissen ein. Wo sehen Sie in der Schweiz dabei noch Lücken?

Grosse Informationslücken bestehen dort, wo sich Tiere von uns Menschen unterscheiden. Beispielsweise, dass viele nicht schwitzen können oder manche Dinge für uns unschädlich, aber für Tiere giftig sind. Auch Kastration ist kein sexy Thema. Dabei ist dies der einzige Weg, um die Überpopulation von Hunden und Katzen in den Griff zu bekommen.

Nachdem Ihr Buch vergriffen war, haben Sie «Heimatlos – aus dem Tagebuch einer Tierschützerin» vor wenigen Wochen neu aufgelegt und erweitert. Was erwartet die Leser in den letzten Kapiteln?

Es geht um die Entwicklungen im Tierschutz und in meinem privaten Leben in den letzten fünf Jahren.

Welche Meilensteine erlebten Sie dabei?

Ein Highlight war die Entwicklung der Tierschutzausbildung. Eine solche Ausbildung ist eine grosse Sache. Ein Schlag war der Tod meines Ehemannes. Wir lernten uns über den Tierschutz kennen. Die Arbeit auch nach seinem Tod weiterzuführen, half mir.

Welches Ziel verfolgen Sie mit der Veröffentlichung Ihres Tagebuchs?

Ich will informieren. Die Leute sollen die Idee verlieren, dass ein Tierschützer jemand ist, der über eine grüne Wiese hüpft und Schafe streichelt.

Was macht eine gute Tierschützerin aus?

Ich finde es nicht gut, mit dem Mahnfinger dazustehen. Denn ich habe die Hoffnung in die Menschheit nicht aufgegeben. Doch ich sehe es als meine Aufgabe, zu informieren. Wenn die Leute Informationen haben, können sie eigenverantwortliche Entscheidungen treffen.

«Heimatlos»: Die erweiterte Neuauflage von Susy Utzingers «Heimatlos» ist beim Wörterseh-Verlag oder im Webshop von Susy Utzinger für zirka 20 Franken erhältlich.

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