Die Bestatterin

Zürichs einzige Bestatterin: Wie sie Frau Meier für die letzte Reise vorbereitet

Auf Tour mit Jennifer Diener, der einzigen Bestatterin der Stadt Zürich zeigt sich, dass manchmal auch Tote noch Luft ausstossen.

Frau Meier* ist erst kürzlich verstorben und liegt nun in einem auf rund drei Grad heruntergekühlten Raum im Untergeschoss eines Stadtzürcher Altersheims. Ihre Hände sind über den Bauch gefaltet, gelbe Blütenblätter wurden über ihr verstreut, und auf den Beinen liegt ein noch in Papier verpacktes Bouquet – es sind rosarote Rosen.

Genau so findet Bestatterin Jennifer Diener die Dame vor. Die 33-jährige Diener ist die einzige Frau im Dienst der Stadtzürcher Bestatter und die Jüngste im 14-köpfigen Team. «So Frau Meier, nun machen wir Sie bereit für die Einbettung in den Sarg», sagt Diener. Beinahe immer rede sie mit den Verstorbenen.

2015 verstarben allein in der Stadt Zürich 3572 Menschen – sie alle werden von den städtischen Bestattern aus dem Spital, aus dem Altersheim, vom Unfallort oder von zuhause abgeholt, eingesargt und auf den Friedhof oder ins Krematorium gebracht. «Jeder Einwohner hat einen Züri-Sarg zugute», sagt Diener.

Diese schlichten Särge aus hellem Holz reihen sich in der Dienstzentrale des Bestattungs- und Friedhofsamts Sihlfeld aneinander. Einen solchen bereitet Diener für Frau Meier vor. Wegen ihrer Körpermasse braucht die Dame ein grösseres Modell. Denn: «Wir quetschen niemanden hinein.»

Zurück im Kühlraum: Frau Meiers Lippen sind leicht bläulich, rund um die Nase hat sie einige rötlich verfärbte Hautstellen. Nun werden ihre Nase und ihr Mund bedeckt, «um auslaufende Körperflüssigkeit zurückzuhalten», wie Diener erklärt.

Flink – jeder Handgriff sitzt – platziert sie die Verstorbene neben dem Sarg und legt die Füsse bereits hinein. Mithilfe des Schreibenden, der das unter Frau Meier liegende Tuch anpackt, wird die Tote in den Sarg gehoben.

Anzupacken gelernt hat Diener schon früh. Nach der Lehre als Malerin arbeitete sie auf Baustellen – als eine der wenigen Frauen. Burschikos wirkt sie aber keineswegs. Ihre langen Haare bindet sie zusammen.

Auch ist sie stets dezent geschminkt. Irgendwann hatte sie genug vom Malerberuf: «Als ich dreissig wurde, brauchte ich eine Veränderung.» Sie sah eine Annonce in der Zeitung, mit der Bestatter gesucht wurden, und fragte sich: «Warum nicht?» Probleme mit dem Tod habe sie noch nie gehabt.

Bange Momente

Lediglich als sie frisch mit dem Job begann, gab es einige Schreckensmomente. Zum Beispiel, als Diener eine Verstorbene abholen musste und diese beim Heben Luft ausstiess. «Mir war angst und bange, weil ich erst dachte, dass sie noch lebt.» Inzwischen gehe sie jedoch mit fast allen Situationen souverän um. Einzig beim Geruch von Erbrochenem werde es ihr hin und wieder mulmig.

Der Weg hin zum schwarzen Bestattungsfahrzeug führt durch das Foyer des Altersheims, in dem Frau Meier bis vor kurzem lebte. «Die Leitung entschied, dass die Menschen das Heim auf demselben Weg verlassen sollen, wie sie auch eingetreten sind – durch den Haupteingang», so Diener. Die Lifttür öffnet sich.

Jennifer Diener bei der Arbeit.

Jennifer Diener bei der Arbeit.

Eine blonde Pflegerin mit blauen Augen will eintreten, erblickt erst die wartende Diener, dann den hellen Sarg. Die Augen der Frau vergrössern sich, entschuldigend macht sie einige Schritte rückwärts und wartet auf die nächste Möglichkeit, das Stockwerk zu wechseln.

«Menschen reagieren oft so, wenn sie mich bei der Arbeit sehen», sagt Diener. Auch die SRF-Sendung «Der Bestatter» mit Mike Müller habe daran nichts geändert. Manchmal seien die Reaktionen zwar unangenehm, doch Diener denkt sich: «Ich habe keine Mühe im Umgang mit Verstorbenen. Aber ich kann von anderen nicht erwarten, dass es ihnen gleich geht.»
Zurück durch den hektischen Feierabendverkehr kommt Diener im Krematorium Sihlfeld an, wo sie den Sarg ins Gebäudeinnere bringt und öffnet.

Es macht den Anschein, als würde nun der Lieblingsteil ihrer Arbeit beginnen – das Herrichten. «Nehmen Angehörige Abschied von ihren Liebsten, sollen diese so gut wie möglich aussehen», sagt sie. Sie nimmt eine kleine Klarsichtbox hervor. Darin finden sich Wattebäusche, einige Chemikalien und Haarspray. Erst säubert sie Frau Meiers leicht blutige Wange, dann nimmt sie eine Pincette zur Hand.

Damit platziert sie einen Tampon in der Nase, um das Auslaufen der Flüssigkeiten zu stoppen. Die Blumen, die der Verstorbenen mitgegeben wurden, drapiert sie anschliessend rund um Frau Meier. Als Diener mit dem Anblick zufrieden ist, schliesst sie den Sarg und deponiert ihn im unterirdischen Kühlraum. Dort bleibt er bis zu einer Woche. Im Anschluss folgt die Kremation oder die Erdbestattung.

Von der Asche zum Diamant

Während der Advent für viele die schönste Zeit im Jahr ist, löst er bei der Bestatterin gemischte Gefühlte aus. Denn zu dieser Zeit steigt die Zahl der Selbstmorde. Richtet sich jemand mit einer Waffe hin oder springt vor einen fahrenden Zug, gibt dies nicht nur schwierige Bergungsarbeiten für den Bestattungsdienst.

Auch das Herrichten gestaltet sich in solchen Fällen schwierig: «Ist ein Verstorbener komplett unkenntlich, versuchen wir dennoch, ein Merkmal zu finden, das die Person einzigartig macht. Tätowierungen, Muttermale oder Sonnenflecken – egal was. Diese Stelle können wir bei der Aufbahrung den Angehörigen zeigen, sodass sie sich verabschieden können.»

Wo und wie Frau Meier beigesetzt wird, steht noch nicht fest. Entscheiden sich ihre Angehörigen aber für eine Abdankung im Krematorium Sihlfeld, wird Diener diese vorbereiten: den Sarg aufstellen, die Technik bereitmachen, das Zimmer für den Pfarrer herrichten. Wie möchte denn die Bestatterin einst selbst bestattet werden?

Diener überlegt – es gebe derart viele Möglichkeiten, sagt sie. Etwa könne man seine Asche zu einem Diamanten pressen lassen. «Gedanken darüber habe ich mir jedoch noch nicht gemacht. Einzig eine Kremation muss sein.»

*Name der Redaktion bekannt.

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