Gastkolumne
Um die Öko-Debatte zu entwirren, braucht es Weitsicht und Bodenhaftung

Mit Denkgärtchen wird das nichts mit dem Klimawandel, schreibt der Autor. Es braucht Innovation und Forschung, aber vor allem einen offenen Geist.

Thomas Kessler*
Thomas Kessler*
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Soll es hier einen Stausee geben? Für die Einheimischen kein Tabu, für die Naturschützerin aus der Stadt schon.

Soll es hier einen Stausee geben? Für die Einheimischen kein Tabu, für die Naturschützerin aus der Stadt schon.

Martin Ruetschi / KEYSTONE

Die TV-Sendung «Rundschau» hat einen interes­santen Beitrag zum Stauseeprojekt an der Trift gebracht. Dort in den Berner Alpen lässt der schmelzende Gletscher eine Gerölllandschaft zurück, die dank einer engen Talöffnung ideal für einen Stausee geeignet ist. Das geplante Werk soll für die Energiewende als Winterspeicher dienen und CO2-freien Strom für 30000 Haushalte liefern.

Spannend nun das arrangierte Gespräch in der Dorfbeiz: Während die Einheimischen nüchtern den passenden Standort und die Notwendigkeit des grünen Stroms für den Klimaschutz beschreiben, redet die Naturschützerin aus der Stadt von Biodiversität in der postglazialen Steinhalde. Das Projekt müsse abgelehnt werden. Ein Ostschweizer Klimaprofessor ist ebenfalls dagegen und schlägt zur Vermeidung der ab 2025 drohenden Strom-Blackouts vor, auf Gaskraftwerke zu setzen. Die Gerichte müssen nun entscheiden.

Ähnlich wirr ist die Öko-Debatte in der trinationalen Region Basel. Nach 75 Jahren Flughafenbetrieb liegt endlich ein Projekt vor, um den in Sichtweite des Flughafens liegenden Schienenstrang Basel-Mulhouse-Strassburg mit dem Euroairport (EAP) zu verbinden. Bislang gehen alle Mitarbeitenden und Fluggäste mit dem Bus oder zu über 80 Prozent mit dem Auto zum EAP.

Die Fachbehörden im Dreiland wollen längst den Bahnanschluss, er ist ein zentrales Element der geplanten Regio-S-Bahn. Doch einmal mehr stemmen sich die Naturschutzverbände und das links-grüne Spektrum dagegen. In Basel-Stadt ist immerhin die SP dafür. In Bundesbern hat man die Region nie verstanden: Während andere Landesteile geschlossen für ihre Infrastrukturprojekte einstehen, kommen aus der Nordwestschweiz stets widersprüchliche Signale. Die These der Gegner, wonach die Zugverbindung zu mehr Luftverkehr führen würde, wurde in Studien nicht bestätigt. 2020 waren die Top-Destinationen Pristina und Istanbul – Motiv Familientreffen.

Man fragt sich: Weshalb sind die Verbände im Blockieren gefangen? Kooperativ und inspiriert agieren ist doch nachhaltiger, für einen starken ÖV und mit Ideen für Forschung, Entwicklung und Produktion – zum Beispiel für leisen und klimaneutralen Flugverkehr? Die Schweiz ist mit ihren technischen Hochschulen und der Empa führend in der Power-to-Fuel-Technologie, der Herstellung von synthetischen, klimaneutralen Kraftstoffen (u. a. Kerosin) aus CO2, Wasserstoff und mit Sonnen- oder Windenergie. Damit können Verbrennungsmotoren umweltschonend betrieben werden. Die führende Rolle der Schweiz ist allerdings gefährdet; die EU investiert stark; die grössten Anlagen mit ETH-Technologie für CO2-neutrales Kerosin stehen am Amsterdamer Flughafen, neue werden in Deutschland gebaut.

Weshalb nicht am EAP, unter Einbezug der angrenzenden Industriezonen mit den riesigen Flächen für Panels? Mit einem trinationalen Projekt und der technischen Fachhochschule Delémont? Das würde zu einer fortschrittlichen Regional- und Umweltpolitik passen. Wenn der französische Präsident den Bau neuer Atomkraftwerke ankündigt, ist doch ein starkes Projekt aus der umweltaffinen Region die richtige Antwort dazu.

Es braucht dazu allerdings die Befreiung aus den Denkgärtchen. In Muttenz ist kürzlich ein Windkraftwerk abgelehnt worden. Auch auf globaler Ebene haben Kleingeist und die Inte­ressenpolitik die ökologischen Notwendigkeiten übersteuert: Gemäss «Glasgow» darf der Regenwald noch weitere neun Jahre abgeholzt werden und der Rest danach zu 15 Prozent; der Kohleausstieg in China und Indien wurde de facto auf die übernächste Generation verschoben. So wird das nix mit dem Klimaschutz.

Gefragt sind jetzt Innovationen, viel Forschung und Entwicklung und ein offener Geist, um den Wandel zu beschleunigen.

*Zur Person

Thomas Kessler

Thomas Kessler

Der Autor ist Agronom und führt ein Beratungsunternehmen; im Tessin betreibt er ein Biodiversitätsprojekt. In Basel-Stadt leitete er die Stadtentwicklung. Er ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses von CH Media.

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