Gastkommentar
Eine Alternative in einer «alternativlosen» Welt

«Die Schweiz hat Zukunft» – so der Titel des neuen Buchs von Gerhard Schwarz. Der grosse Liberale räumt in seinem Werk ein, dass sich der Erfolg der Schweiz in den letzten 150 Jahren vor allem ihrem politischen System verdankt, das einzigartig ist; ein Staat, «durch die Zufälle von Geographie und Geschichte» zu dem geworden, was er heute ist.

Gerhard Schwarz *
Gerhard Schwarz *
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Wie kann die Schweiz ohne das EU-Rahmenabkommen überleben? Gerhard Schwarz meint: Durch grosse Reformbereitschaft.

Wie kann die Schweiz ohne das EU-Rahmenabkommen überleben? Gerhard Schwarz meint: Durch grosse Reformbereitschaft.

NZZ-Verlag

In der aktuellen Debatte über ein Rahmenabkommen mit der EU kommt immer wieder die Frage auf, wie die Schweiz ohne dieses Abkommen überleben könne. Aus meiner Sicht als überzeugter Europäer verlangt dies eine grosse Reformbereitschaft. Dazu gehören:

  • Die Abkehr von der satten Selbstzufriedenheit des Erfolgreichen.
  • Die Beendigung des kleingeistigen internen Hickhacks.
  • Der Verzicht auf Nabelschau und die Bereitschaft, von anderen zu lernen.
  • Die Orientierung an Ländern, die erfolgreich sind. Der Fixierung auf Europa haftet etwas Provinzielles an.
  • Die Überwindung des Haderns mit der Kleinheit des Landes und die Betonung der Weltoffenheit. Die Schweiz ist globalisierter als die meisten Staaten dieser Erde.
  • Die Bejahung jener kontrollierten Offenheit gegenüber Zuwanderung, die das Land wohlhabend, vielfältig und geistreich gemacht hat.

Der Historiker Joseph Jung hat sein Buch über die Schweiz im 19. Jahrhundert «Das Laboratorium des Fortschritts» betitelt. Er zielt damit auf den grossen Wurf der Verfassung von 1848, der nur möglich war, weil die Politiker damals fast auf der grünen Wiese agieren konnten. Solche Konstellationen gibt es selten. Heute unterliegt die Schweiz mehr Sachzwängen als damals. Trotzdem könnte sie auch heute ein Laboratorium des Fortschritts sein, weil sie sich sowohl eine gewisse Unabhängigkeit als vor allem auch ihre spezifischen Institutionen bewahrt hat.

Eine solche zukunftsorientierte Schweiz weist drei Charakteristika auf:

  • Sie verhält sich vorsichtig abwägend gegenüber vermeintlichen politischen Fortschritten. Die Schweiz war oft «ein Land der Opposition gegenüber Dummheiten, die im Ausland begangen werden» (Rolf Soiron). Meist geht vergessen, dass Zukunftssicherung auch heisst, Zeitgeistmoden die Gefolgschaft zu verweigern.
  • Sie pflegt auf kluge Weise ihre im Kern hochmodernen, der Vermassung, Anonymisierung und Verantwortungsdelegation entgegenwirkenden politischen Institutionen. Nicht alles an ihnen ist erhaltenswert, aber das viele Erhaltenswerte darf man nicht einebnen. Die Schweiz verteidigt daher das in ihren Institutionen geronnene Wissen gegen den Ansturm der Modernisten im Aus- und im Inland, passt aber die Institutionen so an, dass ihr Wesensgehalt zum Tragen kommt.
  • Schliesslich nutzt sie ihre Kleinheit, Kleinteiligkeit und modulare politische Struktur, die sie als Experimentierfeld geradezu prädestinieren, für wirtschafts- und gesellschaftspolitische Reformen.

Das Besondere an einer solchen Labor-Schweiz ist, dass in ihr kein Mastermind grosse Pläne umsetzt und keine starke Regierung forsch Risiken eingeht. Ihre Qualität, ihr Beitrag zum Erkennen, Verstehen und Bewältigen der Zukunft liegt in ihrem Anderssein, liegt darin, dass sie in einer angeblich alternativlosen Welt eine Alternative bietet, mit non-zentraler Organisation und Ernstnehmen der Bevölkerung, skeptischem Pragmatismus und misstrauischer Distanz gegenüber Visionärem. So entsteht evolutiv, demokratisch und nachhaltig Zukunft.

Mit dieser Strategie erreicht man mehrere Ziele: Das Land bewahrt sich seine Identität und Eigenständigkeit, die Bürgerinnen und Bürger können mehr mitbestimmen und mitgestalten als anderswo, und der Wohlstand nimmt dank marktwirtschaftlichen Reformen weiter zu. Zugleich macht sich die Schweiz damit aber auch nützlich. Sie beobachtet nicht einfach, wie Max Frisch einst schrieb, vom sicheren Ufer aus den Strom der Geschichte, und sie ist nicht nur ein unbequemer Stachel, sondern sie ist ein Widerspruch gegen die sich verflachende und damit auch kulturell verarmende Welt. Man kann von ihr lernen, von ihren Fehlern ebenso wie von ihren Erfolgen. Coco Chanel meinte einst, wenn man unersetzbar sein wolle, müsse man immer anders sein. Die Schweiz könnte mit ihrem bewussten Anderssein auch für die Nachbarn und die EU als Ganzes unersetzbar sein – oder werden.

Gerhard Schwarz: Die Schweiz hat Zukunft. Von der positiven Kraft der Eigenart. Verlag NZZ Libro, 168 Seiten, Fr. 29.– (UVP)

* Gerhard Schwarz (70) war Direktor von Avenir Suisse und leitete während 16 Jahren die Wirtschaftsredaktion der NZZ. Dieser Text basiert auf dem Schlusskapitel seines neuen Buchs «Die Schweiz hat Zukunft», das bei NZZ Libro erschienen ist.

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