Kolumne
Verweigerungsübungen gegen die Coronamassnahmen sind sinnlos: Es gibt Wichtiges zu tun!

Statt trotzig die Krise zu verlängern, sollten wir uns nun auf zentrale Reformen und Zukunftsprojekte konzentrieren.

Thomas Kessler*
Thomas Kessler*
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Die Reform der Altersvorsorge ist eine der grössten Herausforderungen, welche die Schweiz zu bewältigen hat.

Die Reform der Altersvorsorge ist eine der grössten Herausforderungen, welche die Schweiz zu bewältigen hat.

Peter Schneider / KEYSTONE

Vorgestern im Bus in Basel, nach der Rückkehr aus Berlin: Heftige Rempeleien schon beim Einsteigen. Gestern im Restaurant in Zürich: Eine mittelalte Dame schimpft lauthals über Ausländer, den Bundesrat und die Zürcher Gesundheitsdirektorin – und sucht handgreiflich Krach. Ganz anders die Erfahrungen an anderen Orten Europas – Gelassenheit selbst im dysfunktionalen Berlin, Freundlichkeit erst recht im Süden. Die Corona-Massnahmen werden im Alltag beachtet, allerdings ohne ein Drama daraus zu machen. Selbst in der archaischen Pampa Siziliens liessen sich alle impfen – aus Sorge um die Nonna. Dito in Portugal oder im Tessin.

Bei uns gehen hingegen «Verfassungsfreunde» aus jenen Kantonen auf die Strasse, die seit der Staatsgründung alle eidgenössischen Verfassungen und ihre Revisionen abgelehnt haben. Bei aller grundsätzlicher Sympathie für Skeptizismus: Das Paradoxe wirkt zuweilen wohlstandsverwöhnt, auch wenn einzelne Massnahmen tatsächlich nicht ganz überzeugt – und übermotivierte Zeitgenossen mit ihrem Kontrollwahn genervt haben. In nüchternen internationalen Analysen schneidet die Schweiz aber insgesamt gut ab. Mit einer Impfquote wie in Portugal oder Dänemark wären wir längt im Normalbetrieb. Stattdessen müssen wir wegen der mässigen Durchimpfung die Einschränkungen, Motivierungs- und Verweigerungsübungen voraussichtlich noch bis ins nächste Jahr erdulden.

Diese Zeit bräuchten wir für Besseres. Der Wohlstand hält sich nicht von selbst, in vielen Bereichen leben wir bereits auf Kosten der nächsten Generationen. Ökologisch sowieso. Unsere Altersvorsorge ist schon lange ein Anachronismus, unterschiedliches Rentenalter nach zwei Geschlechtern gibt es sonst nirgends. Dieses Kuriosum ist eine Errungenschaft der biederen Nachkriegszeit, die galant gemeinte Antwort der patriarchalen Gesellschaft auf die Hausfrauenrolle. In den fortschrittlichen Ländern des Nordens ist die Altersvorsorge längt entpolitisiert und technisch auf das tatsächlich Finanzierbare und die steigende Lebenserwartung ausgerichtet.

Andere wichtige Themen stehen an: Nicht nur die Gesundheitsversorgung braucht gut ausgebildete und entsprechend entlöhnte Kräfte, auch viele andere systemrelevante Branchen wie die Logistik oder der öffentliche Verkehr sind auf sie angewiesen. Während niemandem auffällt, wenn in den Grossbetrieben und wachsenden Verwaltungen sogenannte «Bullshit-Jobs» auf der Kontroll- und Kommunikationsebene verwaist bleiben, fallen bei den SBB schon jetzt wegen des Lokführer-Mangels öfters Züge aus.

Wo ein Mangel an Chauffeuren hinführen kann, zeigt sich gerade in England. Es ist ein Segen für die Schweiz, dass sich das durchlässige, mehrgliedrige Bildungssystem durch eine hohe Integrationsleistung auszeichnet und auch den Immigrierten solide Chancen bietet. Ohne sie würden weder das Gesundheits- noch das Verkehrswesen, noch die Bau-, Sicherheits- oder die Logistikbranche funktionieren.

Mangel gibt es auch bei den Rohstoffen. Die Preise steigen, und wenn ein Lager ausfällt, wie derzeit beim Papier, müssen die Zeitungen dünner werden. Die Stromversorgung ist ab 2025 unsicher, seit dem brüsken Abbruch der Verhandlungen mit der EU steht die Schweiz ohne Strategie da. Ohne starke Kooperationen wird es vor allem in der Forschung schwierig. In der rückständigen Digitalisierung muss rasch aufgeholt und die Sicherheit der Institutionen und der KMU verbessert werden. Cybercrime ist eine Plage mit standortgefährdenden Milliardenkosten.

Krisenverlängernden Trotz haben wir nun genug gehabt. Wir sollten jetzt zügig die fälligen Reformen, Partnerschaften und Innovationen angehen.

*Der Autor führt ein Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Migration, Integration und Sicherheitsfragen. Thomas Kessler ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media.

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