Analyse
Affäre Fricker: Kein typischer Medienskandal

Analyse zur «Affäre Fricker» und zum Verhalten der Grünen.

Dennis Bühler
Dennis Bühler
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Zieht Konsequenzen aus seinen umstrittenen Äusserungen: Jonas Fricker, Aargauer Nationalrat der Grünen, tritt auf Anfang der Wintersession aus dem Parlament in Bern aus.Chris Iseli

Zieht Konsequenzen aus seinen umstrittenen Äusserungen: Jonas Fricker, Aargauer Nationalrat der Grünen, tritt auf Anfang der Wintersession aus dem Parlament in Bern aus.Chris Iseli

Chris Iseli

Sie kennen die Bilder, ja sogar die Dokumentarfilme aus Europa, die die unsägliche Massentierhaltung belegen – Transporte in den sicheren Tod», sagte Jonas Fricker vor acht Tagen im Nationalrat. Als er sie letztmals gesehen habe, seien ihm unweigerlich die Bilder der Massendeportationen nach Auschwitz hochgekommen. «Die Menschen, die dort deportiert wurden, hatten eine kleine Chance, zu überleben. Die Schweine fahren in den sicheren Tod.» Eine dämliche Äusserung, eine Verharmlosung des Holocausts – darüber braucht man nicht zu diskutieren. Bösartig gemeint allerdings war der Vergleich nicht. Es ging Fricker nicht darum, Juden auf die Stufe von Schweinen herabzusetzen. Zwei Tage später trat Fricker zurück. Was führte zum schnellen Ende? Und wie unterscheidet sich die Affäre von typischen Medienskandalen?

Mangel an Rückhalt und Skandalmanagement

Die «Affäre Fricker» ist kein typischer Medienskandal: Zwar erschienen am Tag nach Frickers Äusserungen 38 Artikel über den Vorfall in den Schweizer Medien. Doch die meisten Zeitungen gewichteten ihn tief. Einzig der «Blick» und die «Nordwestschweiz», aus deren Einzugsgebiet der Aargauer stammt, berichteten auf der Frontseite. Die Boulevardzeitung tat es aggressiv: «Auschwitz-Skandal im Bundeshaus», titelte sie. Der Chefredaktor kommentierte: «Kein Homo sapiens mit intaktem ethischem Kompass vergleicht Juden mit Schweinen.» Schon am nächsten Tag ebbte die Empörung ab. Die «Affäre Fricker» war dem «Blick» nur noch einen kleinen Bericht wert. Die «Nordwestschweiz» berichtete ebenfalls ausführlich, urteilte jedoch differenzierter als der «Blick»: Zwar bezeichnete auch sie Frickers Vergleich als «inakzeptablen Fauxpas», doch schrieb die Inlandchefin: «Fricker ist mit Bestimmtheit kein Antisemit. Sein mea culpa wirkt glaubwürdig.»

Die Parteispitze der Grünen distanzierte sich unverzüglich und unmissverständlich von Frickers Aussagen. Dies war zwingend. Nur so konnte sie verhindern, dass die Skandalisierung auf sie übergreift. Nicht nur unnötig, sondern geradezu hinterhältig allerdings war, dass grüne Politiker nicht nur Frickers Worte weit von sich wiesen, sondern sich auch wortgewaltig von seiner Person distanzierten. So sagte alt Nationalrat Jo Lang, die Grünen wollten «kein Mitglied, das solch schlimmste Vergleiche macht und sie dann nicht einmal richtig klarstellt». Darum sei die letzte Konsequenz ein Parteiausschluss. Ebenfalls auf den Mann zielte die frühere Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli, die eine Verbindung zur rechtspopulistischen deutschen Partei AfD herstellte.

Frickers Skandalmanagement war ausgesprochen schlecht und – kombiniert mit dem fehlenden Rückhalt – ausschlaggebend für seinen Rücktritt. Zwar entschuldigte er sich kurz nach seiner Aussage im Nationalratssaal. Doch trug er seine Entschuldigung mit einem seltsam anmutenden Lächeln vor und schloss mit den anmassenden Worten: «Danke, dass Sie meine Entschuldigung annehmen.» Man hatte nicht den Eindruck, Fricker sei sich der Tragweite seines Fehlers bewusst. Auch im weiteren Verlauf der Skandalisierung blieb der 40-Jährige unorganisiert. Eine professionell geführte Partei hätte den verhältnismässig unerfahrenen Politiker im Skandalmanagement unterstützt. Die Grünen aber sind keine professionell geführte Partei.

Doch lassen sich daraus Lehren ziehen?

Positiv wirkt sich die «Affäre Fricker» aus, wenn sie hilft, das kollektive Verdrängen und Vergessen des Holocausts aufzuhalten – die Erinnerung an das abscheulichste in der Menschheitsgeschichte verübte Unrecht muss lebendig bleiben. Positiv wäre auch, wenn man in Zukunft grundsätzlich genauer hinhörte, was Politiker so von sich geben. Wenn man es beispielsweise SVP-Patron Christoph Blocher nicht mehr durchliesse, wenn er wie im April 2016 sagt, der Kampf «vonseiten der Staatsmedien und von ‹Blick› bis zur ‹NZZ›» habe ihn «in ihrer Radikalität an die Methoden der Nationalsozialisten den Juden gegenüber erinnert». Negativ zu bewerten ist der Fall, wenn Politiker und Parteien keine Schlüsse aus ihm ziehen. Wenn sie sich nicht professionell vorbereiten, um bei der nächsten Skandalisierung besser zu reagieren. Bedenklich wäre zudem, sollten ehrliches Bedauern und ernst gemeinte Entschuldigungen keinen Wert mehr haben. Auch Politiker sind Menschen. Eine Gesellschaft muss vergeben können. Verliert sie diese Fähigkeit, wird die Bereitschaft sinken, exponierte Ämter zu übernehmen.

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