Kolumne
An fast alle Männer

Reeto von Gunten über den Umstand, dass während Sie diese Kolumne lesen, andere arbeiten.

Reeto von Gunten
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«Die Arbeit (m)einer Frau ist meine Existenzgrundlage.»

«Die Arbeit (m)einer Frau ist meine Existenzgrundlage.»

Keystone

Und?, fragen Sie, wo liegt das Problem?» Das Problem liegt bei Ihnen. Weil Sie von dieser Arbeit zwar abhängig sind, davon aber nichts mitbekommen. Überall wird geschuftet, gelitten und gekämpft: Selbstverständliche Gratis-Höchstleistungen werden vollbracht, schiere Unglaublichkeiten erreicht und Hindernisse aus dem Weg geräumt. Es grenzt oft an ein Wunder und geschieht täglich, stündlich, in Ihrer unmittelbarsten Nähe. Ohne Auftrag und ohne Entlöhnung.

Jetzt gerade, zum Beispiel, lesen Sie diese Kolumne und werden im Hintergrund unterstützt: still, unauffällig, hingebungsvoll. Alles, was Sie tun, wird durch diesen Frondienst erst möglich. Von morgens bis abends, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr. Für immer und von jeher. Seit Sie ein Baby sind, werden Sie unterstützt. Genügsam und diskret. Und was tun Sie? Ja, Sie arbeiten. Sie schlagen sich aber auch die Zeit mit läppischen Kolumnen um die Ohren, studieren Golfschlägerprospekte, erwürgen aufkommende Langeweile mit lustigen Filmchen, sudeln irgendwelche Kommentarspalten voll. Und fühlen sich dabei als Krone der Schöpfung.

Am Ende wird der Text besser sein, als ich ihn je hinbekommen hätte

Ich bin keinen Deut besser, schliesslich bin ich auch ein Mann. Während ich diese Kolumne schreibe, sortiert meine Frau Wäsche, büffelt mit der Jüngsten Lateinvokabeln, richtet den nachbarschaftlichen Haussegen, macht Zahlungen und Altpapierbündel, kocht Bolognese vor, repariert die Verriegelung der Schranktüre, füttert den Hund, zerrt ein Sofa auf den Estrich, verschickt Kindergeburtstags-Vorankündigungen per SMS, pumpt einen Basketball auf, erklärt meinem Vater, dass ich mitten in der Schreibarbeit stecke und ihn später zurückrufen werde, und vereinbart für die Tochter einen Zahnspangen-Kontrolltermin, das meiste davon parallel.

Reeto von Gunten

Er ist selbstständiger Autor und Künstler, mit seinen Lesungen schweizweit auf Kleinkunstbühnen unterwegs und die Stimme des Sonntagmorgens auf SRF3.

Sobald ich diesen Text fertiggeschrieben habe, wird sie ihn mir nicht etwa um die Ohren hauen (was das einzig Richtige wäre) oder sich über die Unwahrscheinlichkeit seiner Wirkung lustig machen, nein, sie wird ihn lektorieren. Wohlwollend, liebevoll und fehlerfrei. Am Ende wird er besser sein, als ich ihn je hinbekommen hätte, und: «Nachtessen ist fertig!»

Die Arbeit (m)einer Frau ist meine Existenzgrundlage. Und das nicht etwa, seit wir eine eigene Familie gegründet haben, nein, das läuft so, seit ich denken kann: Mama regelt das. Und genau dort liegt das Problem: in der Unendlichkeit dieser Ungerechtigkeit. Unsere Kinder werden weiterleben, was wir ihnen vorleben. Diese unsägliche Rollenverteilung wird immer weiter wuchern: ohne Gleichberechtigung und ohne Ende. Das macht mir Angst. Dieses Unrecht wütet mitten unter meinen Liebsten, es findet in meiner eigenen Familie statt.

Kann ich überhaupt irgendwie etwas ändern?

Soll mein Sohn tatsächlich kaum auf eigenen Füssen stehen können, für alles und immer eine Frau im Hintergrund wissen, die ihm seinen Scheiss erledigt und ihn dabei gut aussehen lässt? Soll unsere Tochter nie genügend Zeit für ein selbstbestimmtes Arbeitsleben haben, weil sie im Mama-Papa-Kind-Spiel gefangen bleibt, ihr ganzes Leben lang? Woher nehmen wir Männer uns das Recht dazu, so unbewusst und gedankenlos durchs Leben zu laufen? Was versprechen wir uns davon? Wo führt uns das hin? Und jetzt, wo mir das plötzlich – Sie dürfen dreimal raten, auf wessen leisen Hinweis hin – klar geworden ist und mich in all seiner Konsequenz überrollt, kann ich das überhaupt irgendwie ändern?

Ich würde viel dafür geben, dies alles so eindringlich erläutern zu können, dass Sie, liebe Männer, sich davon angesprochen fühlen und mithelfen, die unendlich wichtige Korrektur dieser beängstigenden Situation anzupacken. Denn für ein Mal sind wir ganz auf uns gestellt: Wir sind die Einzigen, die unser Verhalten ändern können. Ich, jedenfalls, habe mir vorgenommen, mich zu ändern. Statt weiter theoretische Phrasen zu dreschen, beginne ich.

Mit dem Staubsauger.

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