Kolumne
Da-Vinci-Rekord: Wir Leichtgewichtssammler

Für 450 Millionen Dollar kaufte ein Sammler ein Werk von Leonardo da Vinci. "Kunst verheisst Grossverdienern eine neue Identität", schreibt Ludwig Hasler.

Ludwig Hasler*
Ludwig Hasler*
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Sicherheitsleute bewachen Leonardo da Vincis «Salvator Mundi» bei Christie’s.

Sicherheitsleute bewachen Leonardo da Vincis «Salvator Mundi» bei Christie’s.

Keystone/ANDY RAIN/EPA

Jeder Mensch ist verrückt nach irgendetwas. Casanova sammelte Frauen, Imelda Marcos sammelte Schuhe, Adolf Ogi sammelt Bergkristalle, junge Chinesen sammeln grad Ronaldos verschwitzte Shirts ...

Warum also nicht Kunst? Ein Spleen, evolutionär gerechtfertigter als andere. Schliesslich überlebten unsere Vorfahren als Sammler. Das archaische Programm sitzt in unserer Hirnrinde fest. Sammeln als stammesgeschichtliche Regression. Regredieren ist gesund, entlastet von manchem. Speziell von modernen Kreativitätszumutungen. Wer sammelt, muss selber nichts hervorbringen – und ist doch der Boss in seinem Reich. Wer sammelt, ist nie allein – und darf sich doch unbeschreiblich singulär fühlen. Wer sammelt, erwirbt den Ruf des Weltaufgeschlossenen – und lebt doch wohl wattiert gegen die rohe Wirklichkeit im ästhetischen Futteral seiner Werke. Die Sammlung als Ersatzhöhle, mit Beutestücken reich drapiert.

Kunst verheisst Grossverdienern eine neue Identität

Soweit die evolutionspsychologische Version. Die soziologische Variante gefällt mir eher besser. Die geht so: Kunst als das letzte Reservat der Reichen. Was sonst? Geld? Hat heute jeder Vizedirektor der Bank Absolut Return. Bildung? Jede Taxifahrerin kann einen Bachelor ausweisen. Freizeit? Jeder Prolet ist – dank Unterbeschäftigung – gestresst auf Facebook unterwegs. Aber Bilder! Originale Bilder! Richtig teure Bilder! Die bleiben den wirklich Vermögenden vorbehalten.

Mehr als das: Kunst verheisst Grossverdienern eine neue Identität: die reinigende Seelenkur nach der Schmutzarbeit des Geldverdienens. Früher waren es die Gründerväter des Kapitalismus, skrupellose Stahlbarone, Eisenbahnkönige und Öl-Tycoons, die sich gern auf ihr soziales Gewissen beriefen, wenn sie riesige Kunstsammlungen zusammenrafften. Später tummelten sich in Galerien und Auktionshäusern Börsenspekulanten und Computerhändler, die nach ihrem leicht anrüchigen geschäftlichen Höhenflug zu angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft werden wollten. Über Nacht kann aus einem vulgären Milliardär ein Mäzen werden, der sein Vermögen dem Schönen und Guten und Wahren weiht.

So läuft die soziologische Deutungsspur: über die Einbildung, der Besitz von Kunst adle den Besitzer, stelle ihn auf eine Stufe mit der Künstlerin. Generationen von Kunsthändlern bedienten sich dieses Aberglaubens. Er versetzt statusverunsicherte Reiche in die Illusion, sie stiegen langsam – Bild für Bild, Million um Million – zur Elite der Gesellschaft, ja, der Menschheit empor. Mag ihr Vermögen noch so fragwürdigen Ursprungs sein, Kunstsammler erwerben eine Aura von Nobilität, sie kaufen sich soziale Anerkennung, Bewunderung der Konkurrenten im Kampf um gesellschaftliche Positionen. Ein Cy Twombly an der Wand schenkt Selbstbewusstsein, verschafft der Besitzerin einen Respekt, der ganz ungeteilt ihrer Person und nicht dem Künstler gilt.

Die unwahrscheinliche heitere Metaphysik im Bild

Nun noch ein Wort zu den 95 Prozent aller Kunstliebhaber, die keine Schwergewichtssammler sind und für ein Bild mal 600, mal 3000 Franken bezahlen. Die schielen sicher nicht auf gesellschaftliche Nobilitierung. Sie sind einfach hin und weg vom Zauber, vom Geheimnis, von der einmaligen Ansprache des Bildes, der Zeichnung. Als ich vor 40 Jahren mein Konto plünderte, um ein Gemälde von Isolde Wawrin zu kaufen, dachte ich keine Sekunde über das Bild hinaus, ich dachte nicht einmal daran, dass meine Wohnung gar keine Wand für diese raumgreifende Kunst hatte.

Ich sah nur die unwahrscheinlich heitere Metaphysik im Bild, ich war hingerissen und klebte nach zehn Minuten den roten Punkt neben das Bild. Ich dachte, in seiner Gesellschaft könne mir nichts mehr passieren, so sehr würde es abfärben auf meine Haltung, mich inspirieren, mich verschonen vor Bagatellisierung.

Wir Leichtgewichtssammler erwarten von Kunst keine Dienstleistung, eher eine Lebensleistung. Die Leistung, in unserer Existenz neue Spielformen zu entdecken – reichere, nuanciertere, intensivere, raffiniertere. Darum wählen wir selten Werke, die uns schmeicheln. Eher solche, die uns vitalisieren, unsere Routinen wieder in die Möglichkeitsform bringen – und uns so schützen vor dem Spiessertum mit seinen kompostierten Blickrichtungen.

*Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».

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