Aus der geschützten Schulwerkstatt
Das Gejammer der Lehrer schadet dem Berufsethos

Patrick Hersiczky
Patrick Hersiczky
Drucken
Teilen
«Wenn wir wieder mehr Respekt für unseren tollen Beruf haben wollen, müssen wir weniger jammern», schreibt Patrick Harsiczky.

«Wenn wir wieder mehr Respekt für unseren tollen Beruf haben wollen, müssen wir weniger jammern», schreibt Patrick Harsiczky.

KEYSTONE

Lehrerinnen und Lehrer leisten viel unbezahlte Überzeit. Vor allem Teilzeitbeschäftigte arbeiten zu viel. Dies hat eine Befragung des Lehrerverbandes ergeben. Aber Hand aufs Pädagogenherz: Wir haben zwar nicht wirklich 13 Ferienwochen und schon lange nicht mehr jeden Mittwochnachmittag frei, dafür haben wir wesentlich mehr Freiheiten und Freizeit als andere Berufsleute – vor allem verglichen mit der Privatwirtschaft. Gewiss, während des Semesters bin ich schon mal 11 Stunden pro Tag in der Schule. Aber dafür werde ich (im Kanton Zürich zumindest) sehr gut bezahlt und habe vor allem einen krisensicheren, ja fast unkündbaren Job.

Ich schätze die Arbeit des Lehrerverbandes sehr, aber mit dieser Befragung hat man sich verrannt. Die Studie ist vor allem wenig hilfreich, um unserem Beruf den nötigen Respekt zu zollen. Die rund 11 000 befragten Lehrer aus der Deutschschweiz bestätigen nämlich nur eines: Lehrer sind die Jammeri der Nation. Zugegeben: Die Bürokratie in den Schulen hat in den letzten Jahren massiv zugenommen, ebenso die Absprachen zwischen den vielen Teilzeitlern. Von verhaltensauffälligen Schülern (und auch Eltern) will ich gar nicht reden. Aber statt über zu viele Überstunden zu jammern, sollten wir uns selber hinterfragen: Viele Sitzungen oder Besprechungen sind leider dermassen unorganisiert und ineffizient, dass ich fast Verständnis habe, wenn sich Kolleginnen und Kollegen wegen Burnout in einer Höhenklinik behandeln lassen müssen.

In meinem Freundeskreis beklage ich mich aber nicht mehr über meinen Beruf. Und wissen Sie was? Seitdem erfahre ich mehr Anerkennung für diesen Job. Es ist nämlich ein Hohn, wenn ich bei einem befreundeten Banker über meine Arbeit jammere. Seine verständliche Antwort ist, dass er beruflich ebenso überlastet sei. Beim Jahresabschluss muss er auch mal am Wochenende ins Büro. Wenn wir dann über die Zürcher Lehrerlöhne sprechen, ist dies das Killerargument für die vermeintlich unbezahlten Überstunden: Ein Berufsanfänger auf der Sekundarstufe verdient im ersten Jahr fast 100 000 Franken. Zudem kann sich ein Lehrer über einen automatischen Lohnanstieg sowie ein Lohnmaximum von fast 160 000 Franken freuen. Wohlverstanden ohne Teuerung gerechnet, welche der Kanton Zürich oft ausgleicht. Gewisse Zusatzaufgaben werden sogar separat entschädigt. Ja, Papa Staat lässt sich bei seinen Pädagogen nicht lumpen.

Wenn wir aber wieder mehr Respekt für unseren tollen Beruf haben wollen, müssen wir weniger jammern. Wer ständig klagt, den nimmt man irgendwann nicht mehr ernst. Das ständige Gejammer schadet letztlich unserem Berufsethos und ist ein Affront an alle anderen Berufsleute, die notabene vier Ferienwochen haben und deutlich weniger verdienen. Solange es nämlich noch Lehrer gibt, die nebenbei eine kleine Weinhandlung betreiben oder als Alleinunterhalter bei Hochzeiten auftreten, dürfen wir nicht von einer Überforderung sprechen.

Neben meinem 100-Prozent-Pensum als Lehrer bilde ich noch Studierende der Pädagogischen Hochschule Zürich aus, korrigiere Gymi-Prüfungen und schreibe für diese Zeitung. Laut Lehrerverband ist ein volles Pensum aber gar nicht mehr zu bewältigen. Ich bezweifle, dass ich Superkräfte habe. Oder vielleicht doch? Denn haben Sie einen Superhelden schon mal jammern hören?

Der 47-jährige Patrick Hersiczky unterrichtet im Kanton Zürich, lebt aber in Baden. Er äussert sich in der Kolumne privat. Als freier Journalist schreibt er für die AZ und für den «Mamablog» des «Tages-Anzeigers».

Aktuelle Nachrichten