Wochenkommentar
Den Jungen gehört die Welt

In seinem Wochenkommentar über eine Generation, welche die Politik entdeckt, schreibt David Sieber, Chefredaktor bz Basel/Basellandschaftliche Zeitung: «Es gibt einen Zusammenhang zwischen Politikversagen und dem Aufbegehren der Jugend.»

David Sieber
David Sieber
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#KeLoscht

#KeLoscht

Kenneth Nars

Sie heissen Emma, Elsa, Jason, Greta, Selma, Lilly, Bennett und Alena. Sie sind zwischen sieben und zehn Jahre alt. Und sie bilden die Redaktion der «Bebbi Kids», einer Kinderzeitung, die der Basler Ausgabe dieser Zeitung vor einigen Tagen beigelegt war. Und die Kids wollen es wissen. Alles. Wie wird Politik hierzulande gemacht? Wie wird in anderen Ländern gewählt? Was macht ein Politiker den ganzen Tag? Wie gehen Kinder mit der Prominenz ihres Vaters um? Welches Idol hat Roger Federer?

Die erst wenige Wochen amtierende Basler Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann gab ihr erstes Interview nicht etwa einem etablierten Medium, sondern der «Bebbi Kids». Und der von Medienanfragen überhäufte Federer nahm sich während der Australian Open die Zeit, mit den Kindern zu chatten. «Wir möchten wissen, was in der Welt passiert und welche Neuigkeiten es gibt», schreiben die Jungjournalisten im Editorial. Aber so, dass die Kinder es verstehen.

Szenenwechsel. Der Basler Grossratssaal bot vor einer Woche ein ungewohntes Bild. 80 Jugendliche nehmen an einem vom Zentrum für Demokratie Aarau entwickelten Rollenspiel teil. Sie sind Partei und Parlament. Sie behandeln eine Vorlage, wägen Argumente ab, leisten Überzeugungsarbeit. Und lernen so, wie der Politbetrieb in der Schweiz funktioniert. Vier Mal so viele junge Menschen hätten teilnehmen wollen. Aus freien Stücken. Weil es sie interessiert, wie Entscheide gefällt werden, die Einfluss auf ihr Leben haben. Und weil sie wissen wollen, wie wiederum sie Einfluss auf die Politik nehmen können.

Am Mittwoch gingen schweizweit Hunderte Schülerinnen und Schüler auf die Strasse. Ke Loscht haben sie. Aber nicht auf den Unterricht, sondern auf Sparmassnahmen, unter denen die Qualität ihrer Ausbildung leidet. Sie wehren sich gegen Entscheide des Politbetriebs zulasten ihrer Zukunft. Mit dabei: die jungen Garden der Linksparteien. Von «Instrumentalisierung» war von bürgerlicher Seite flugs die Rede. Das ist falsch. Die jungen Menschen fühlen sich von jenen Parteien im Stich gelassen, deren Werte sie ansonsten möglicherweise teilen. Es ist kein ideologisierter Protest, sondern ein ganz handfester. Dass Bildung noch immer als eher linkes Thema gilt, haben sie weder gesucht noch zu verantworten.

Ältere glorifizieren ihre Jugend

Ist dies die in jüngster Zeit viel beschworene Repolitisierung der Jugend? Es sind sicher Belege dafür, dass es nicht an Interesse mangelt. Diese Generation ist im Grunde genauso politisch oder unpolitisch wie jede Generation vor ihr. Die Mär von der wohlstandsgesättigten, wenn nicht gar -verwahrlosten und auf sich selbst bezogenen Jugend war früher falsch und ist es heute. Es sind die Älteren, die ihre eigene Jugend glorifizieren und sich an politische Heldentaten zu erinnern meinen, die bei Licht betrachtet nicht selten bloss Dummejungenstreiche waren. Sich um die eigene Zukunft und jene des Planeten Gedanken zu machen, schliesst Party, Games, Sport und, ja, auch Drogen- und Alkoholkonsum nicht aus. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der sich derzeit viele Jugendliche engagieren, sollte die Politik beschämen.

Es gibt offensichtlich einen Zusammenhang zwischen Politikversagen und dem Aufbegehren der Jugend. Wenn Gefahr droht, die von offizieller Seite wider besseres Wissen kleingeredet wird, werden Interesse und Engagement junger Menschen offensichtlicher. Sei es das geplante AKW Kaiseraugst in den Siebzigerjahren, die Schweizerhalle-Katastrophe und der Super-GAU von Tschernobyl ein Jahrzehnt später, die beiden Golfkriege oder nun Donald Trump. Immer war die Jugend zur Stelle. Weil sie sich sorgt – um sich, um die Natur, um die Menschheit. Es sind eher die älteren Generationen, die das alles ja schon erlebt, überlebt und alles Nachfolgende bagatellisiert haben, die sich nicht mehr bewegen lassen. Und wenn, dann versuchen sie in erster Linie ihre Wohlstandsblase zu erhalten. Von dort aus schimpfen sie die Jugendlichen dann naiv.

Nichts einfach hinnehmen

Hoffentlich sind sie das, hoffentlich haben sie Träume und Visionen, die sie umsetzen wollen. Hoffentlich verzagen sie nicht, weil sie nur die Hürden gross wie das Gotthardmassiv sehen, die ihnen in den Weg gestellt werden. Hoffentlich stellen sie Fragen, nehmen nichts einfach hin. Hoffentlich nehmen sie uns, die Älteren, in die Verantwortung. Warum haben die Kantone Geld für Strassen, nicht aber für verlotternde Schulhäuser?

Warum sind so viele Bundesparlamentarier gleichzeitig Lobbyisten und weniger dem Volk als vielmehr Verbänden und Firmen verpflichtet? Warum besitzen acht Superreiche mehr als 3,6 Milliarden Menschen zusammen? Warum sind mehr Menschen auf der Flucht als je zuvor? Warum leben wir weit über unsere Verhältnisse, im Wissen, dass die Ressourcen endlich sind? Hoffentlich sorgen sich die Jugendlichen um die Welt. Schliesslich gehört sie ihnen.

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