Kolumne
Do it yourself am Beispiel des Hamburgers

Kolumne zur DIY-Kultur am Beispiel des Hamburgers.

Reeto von Gunten
Reeto von Gunten
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Der Aufwand, einen Burger selbst zu machen, macht den grossen Unterschied, findet Reeto von Gunten.

Der Aufwand, einen Burger selbst zu machen, macht den grossen Unterschied, findet Reeto von Gunten.

Pixabay

Ich mag Selbstgemachtes. Man hat eine nähere Beziehung zu allem, was man nicht einfach so husch husch mal eben schnell gekauft, sondern mit eigenen Händen gemacht hat. Ganz alleine, im Schweisse seines Selfies, sozusagen. Burger, zum Beispiel.

Wer schon mal einen Burger gemacht hat ...

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Mir ist bewusst, dass ein selbst gemachter Burger objektiv gesehen nicht unbedingt besser schmeckt als ein an einer Theke bestellter. Womöglich gibt es überhaupt keinen messbaren geschmacklichen Unterschied. Doch wer schon mal selber einen Burger gemacht hat, das Fleisch gewürzt, geknetet und gebraten, die Brötchen gebacken, halbiert und geröstet, Salatblätter gezupft, Tomaten und Gurken gewaschen und in Scheiben geschnitten und am Ende alles zu einem kunstvollen Turm geschich- tet und serviert hat, der hat, was gewöhnliche Fast Food-Kunden nicht haben: den grossen Aufwand. Und genau der macht letztlich den Unterschied. Weil man all diese Arbeit eigenhändig geleistet hat, wird das anschliessende Verspeisen gleichsam zur Belohnung. Ein Gefühl, das locker ein paar kulinarische Unzulänglichkeiten wegsteckt, übrigens.

Die Gegenwart, die Gesundheit und das Geld.

Oder Ängste, zum Beispiel. Ich mag meine Ängste selbst gemacht. Sie kommen nämlich nur scheinbar von selbst, mitten in der Nacht. Denn ich habe hart für sie gearbeitet im Vorfeld. Fragen verdrängt, Fehler vertuscht und Aufgaben vor mir hergeschoben. All die Dinge, die ich tue und dabei schon weiss, dass das jetzt nicht besonders schlau ist. Weil sie dann in der Nacht zurückkommen, diese Fehler, und von mir in Ängste umgebaut werden. Im Halbwachzustand, wie auf einem schlechten Trip, mache ich mir manchmal Gedanken über die Zukunft. Die Gegenwart, die Gesundheit und das Geld. Sie münden zuverlässig in einer Sorte Angst, die mich locker ein paar Stunden Schlaf kosten kann. Das anschliessende Erwachen jedoch, allein die Tatsache, dass die Welt noch steht und alle, die ich liebe, am Leben sind, lässt die nächtens gebastelten Ängste sehr schnell etwa gleich bedrohlich aussehen wie alles, was ich selber mache. Das ist die Belohnung für die grausame Nacht: Selbstgemachtes kann ich auch selbst wieder loswerden – weil ich weiss, dass nichts drin ist, was ich nicht mag. Und deshalb mag ich, was dabei herauskommt.

Als wäre ich auf ein Schlachtfeld geraten

Was ich gar nicht haben kann, hingegen, sind Ängste, die mir gemacht werden. Jedes Mal, wenn ich auf einen Bildschirm schaue, komme ich mir vor, als wäre ich auf ein Schlachtfeld geraten. Die Feldherren der digitalen Welt haben es, mit ihren Apps bewaffnet, auf mich abgesehen. Sie wollen meine Aufmerksamkeit, weil ohne Aufmerksamkeit ihre Werbung ohne Wirkung bleibt. Und weil Angst die grösste Aufmerksam- keit schafft – sie versetzt mich oft in regelrechte Alarmbereitschaft – wird sie überall geschürt: auf Titelseiten und Pop-ups, im News Feed, auf Social Media, Plakaten und in Fussgängerzonen. Doch im Gegensatz zur selbstgemachten weiss ich nicht, was drin ist in dieser Angst, und habe deshalb Mühe, sie wieder loszuwerden. Zwar weiss ich, woraus sie gemacht ist – aus Profitgier, nämlich – und ich sehe, was sie bewirkt – Verunsicherung. Und Hass. Doch diese Angst ist so sorgfältig orchestriert, analytisch zusammengesetzt aus meinen Daten, dass sie aus mir eine durchschaubare Schachfigur macht, auf dem Schlachtfeld der Gewinnoptimierung.

Selbst gemachte Burger manipulieren mich nicht

Deshalb mag ich meine Ängste genau wie meine Burger: Selbst gemacht. Sie wollen mich nicht manipulieren, sind meistens klein und verpuffen am nächsten Morgen beim ersten Vogelgezwitscher vor dem Schlafzimmerfenster. Danach bin ich dann auch einigermassen bereit, mich jenen zu stellen, die mir aus den virtuellen Fenstern entgegenbranden.

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