Leben in Aarau
Frauenwanderstöcke

Lelia Hunziker (47) ist Geschäftsführerin und SP-Grossrätin. Sie wohnt in Aarau.
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Zugegeben, die Wahl zu dieser Carte Blanche wurde diesmal zur Qual. Freiheit überfordert. Eigenverantwortung auch. Flock- und Lockdown dominieren. Der Sohn packt heute, an seinem 20. Geburtstag, die Taschen für die Rekrutenschule. Ich bin ratlos – und ein bisschen traurig.

Bis ich in dieser Zeitung auf den Artikel: «Vorwahl für den Sportler des Jahres 2021» stiess. Oh-ha! Nein, für einmal habe ich das Gendersternchen nicht vergessen. Duden hat zwar kürzlich das generische Maskulinum abgeschafft. Aber ich habe weder gehofft noch erwartet, dass sich damit im Aargau schnell etwas ändert – ich bin ja keine realitätsfremde Fantastin. Und bei der genaueren Durchsicht der Nominierten dämmerte mir: Hier die weibliche Form zu bemühen, käme einem Plagiat gleich. Von den 16 Nominationen sind drei weiblich. Also 18 Prozent. Da fällt mir auf: Das ist der gleiche Wert, den ich für den Frauenanteil in den Leitungsgremien staatsnaher Betriebe im Aargau errechnet habe, als ich 2019 einen Vorstoss für eine 30-Prozent-Quote machte. Wäre ich Querdenkerin, glaubte ich an eine Verschwörung der Herrschenden. An Verschwörungen glaube ich nicht, das ist zu simpel. Es war wohl einfach ein blöder Zufall. Einmal mehr. Oder: Die Männer sind einfach saumässig viel sportlicher als die Frauen. Liegt wohl in den Genen. Gilt es zu akzeptieren.

Ja, gälte es, wenn da nicht Helvetia rennen würde. Unter www.helvetia-rennt.ch fordert «alliance F», die Dachorganisation der Schweizer Frauenorganisationen, Gleichberechtigung im Sport. Schweizer Frauen haben an den Olympischen Sommerspielen in Rio 2016 mehr Medaillen gewonnen als Männer. Nix mit weniger fit also. Frauen sind aber (auch) in den Leitungsgremien im Sport untervertreten, sie werden weniger gefördert (zum Beispiel mit Preisen!), sie haben schlechtere Bedingungen, können nur zu Randzeiten trainieren, ihnen fehlt Infrastruktur (Stichwort Sportplatz Winkel!) und sie sind in den Medien kaum präsent. Ja, Frauen müssen im Sportbund mit der Lupe gesucht werden, wie die Nadel im Heuhaufen. Es freut mich deshalb riesig, dass Béatrice Wertli neue Direktorin des Schweizerischen Turnverbandes wird. Gut so. Viel Glück! Und die Kolumnen von Sarah Akanji und Katja Fischer de Santi sind auch immer wunderbares Lesevergnügen.

Aber, mögen Sie sich fragen, was hat das alles mit Frauenwanderstöcken zu tun? Ich mache Sport. Ich renne, ich boxe, ich verbiege mich auf der Yogamatte, ich fahre Velo und ich wandere. So fachsimpelte ich auf einer Schneeschuhtour vor einer Woche mit Kolleginnen über Wanderstöcke. Dabei entdeckten wir, dass es Wanderstöcke und Frauenwanderstöcke gibt. Der Normalfall ist männlich und dann gibt es noch die Anderen. Die etwas kleineren, leichteren, oft in Lila, Mint oder Magenta gehalten. Stöcke für Frauen.

In Gremien, bei der Förderung, bei der Zuteilung von Plätzen und in den Medien sind wir untervertreten, beim Material bekommen wir dafür einen Sonderzug. Auf diese Frauenwanderstöcke pfeifen wir, es reicht, wenn es kleinere und grössere, leichtere und schwere gibt. Viel lieber wollen wir mitreden, wahrgenommen, nominiert und allenfalls geehrt werden.

Vor 50 Jahren, 1971, wurde das Frauenstimmrecht eingeführt. Wir wandern – vorher und seither. Ohne Stöcke, aber über Stock und Stein. Immer bergauf. Ich kann wohl kaum fordern, dass mehr Frauen für die Sportlerin des Jahres 2021 nachnominiert werden. Deshalb: Nominiert mehr Frauen – 2022.