Kolumne
Ich bin ein Arsch

Kolumne über den Umgang mit Beleidigungen.

Reeto von Gunten
Reeto von Gunten
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Genau, Sie haben richtig gelesen. Ich bin ein Arsch. Nicht ganz einfach zu ertragen, meinerseits, dafür umso einfacher herauszufinden: Ich weiss, dass ich ein Arsch bin, weil Mann es mir mitgeteilt hat. Mehrfach.

Allerdings nie direkt, Auge in Auge, sondern ausschliesslich Bildschirm in Auge, per E-Mail beispielsweise oder über irgendwelche Asocial-Media-Kanäle. Mann – ja, auch das haben Sie richtig gelesen, so was tun ausschliesslich Männer – traut sich, Dinge zu schreiben, die zu sagen Mann niemals Mann genug wäre. Oft ist Mann diese Dinge nicht einmal zu schreiben imstande, denn meistens sind die an mich gerichteten Beleidigungen gleichzeitig auch ein derber Affront gegenüber der schriftdeutschen Sprache und deren Rechtschreibung, aber raus muss es und rein, beim Empfänger.

Reeto von Gunten ist selbstständiger Autor und Künstler, mit seinen Lesungen schweizweit auf Kleinkunstbühnen unterwegs und
die Stimme des Sonntagmorgens auf SRF3.

Das kommt Ihnen bestimmt nicht gänzlich unbekannt vor, irgendwann hat irgendwer Sie ganz sicher auch schon beleidigt und Sie haben sich bestimmt gefragt: weshalb? Weshalb geschieht so etwas? Nun, ich vermute, es liegt an der Haltung. Wir werden nicht zurückbeleidigt, weil wir zuerst beleidigt haben. Nein, wir werden beleidigt, weil wir etwas an den Tag legen, das offenbar Neid hervorruft. Haltung, nämlich.

Haltung, die wir nicht bloss einnehmen, sondern zu der wir stehen: inoffensiv gemeinter, aber bestimmter Positionsbezug. Das verlangt scheinbar nach sofortiger Massregelung in derbem Vokabular.

Anfangs fragte ich mich, was die Absicht solcherlei Beleidigungen sein soll? Sind es lediglich ungelenk vorgetragene Aufrufe zur Gesinnungsbesserung? Oder gar holprig formulierte Postulate zur Rettung der Welt? Wohl kaum. Bloss weil einen jemand Unbekanntes beleidigt, stellt man seine Gepflogen- oder Gewohnheiten ja nicht um. Wie auch? Man hätte ja gar keine Möglichkeit, zu wissen, ob man richtig liegt oder nicht. Denn wenn man, in den Augen der Beleidiger, irgendetwas richtig macht, hört man nichts von ihnen – sie sind bloss zur Stelle, wenn es darum geht, vermeintliche Missstände anzuprangern. Deshalb kam ich bald einmal zum Schluss, dass beleidigende Äusserungen, welcher Art auch immer, gar nichts über den Empfänger sagen, weil dessen Stellungnahme ja gar nicht gefragt ist. Sie sind alleine da, um zu beleidigen. Beleidigungen sagen nichts über den Beleidigten aus, sondern nur über den Beleidigenden. Die unterste Schublade des l’art pour l’art, sozusagen.

Jetzt aber zu behaupten, dass Beleidigungen nach dieser Erkenntnis wirkungslos verpuffen würden, wäre übertrieben. Jemanden als Arsch zu bezeichnen, hat Einfluss in sein Denken; so was irritiert und verunsichert, genau das soll es ja auch. Beleidigungen beabsichtigen nichts anderes, als jemandem den Tag zu versauen, weil sie einem wie ein nerviger Ohrwurm nachhängen, einem immer wieder in den Sinn kommen, respektive dort gar nicht wieder rauswollen. Das ist, was die wollen, die ständigen Nörgler und Reklamierer, die Wutbürger und Kommentarschreiber. Sie wollen uns unseren Tag zur Sau machen, uns immer wieder mit demselben Müll zuschütten, so lange, bis wir verunsichert sind, ihnen irgendwann zu glauben beginnen und schliesslich kapitulieren.

Doch was bleibt uns dann noch zu tun? Wir müssten alle Haltung für uns behalten, unsere Einstellung und unser Verständnis der Welt zurückstellen, gar verschweigen, so lange, bis es niemanden mehr stört. Aber dann bliebe uns ja kaum mehr übrig, als den ganzen Tag im Bett zu liegen und nichts anderes zu tun, als uns in Haltungslosigkeit zu üben – das würde doch bestimmt langweilig! Wer für nichts einsteht, darf sich nicht wundern, wenn er auf alles reinfällt! So was nagt substanziell am Selbstwertgefühl! Was will man denn da noch aus sich und seiner Zeit machen, allein zu Hause? Gut – man könnte am Computer sitzen und sich über die Haltung anderer ärgern, die sie vortragen, als hätten sie irgendein Recht dazu. Denn wenn man selber keine mehr hat, ist die Haltung anderer geradezu beleidigend. Und was würde dann näher liegen, als so jemanden zurückzubeleidigen? Doch dann würde man ja selber zum Troll. Nein, das ist keine machbare Option, da bleibe ich doch sehr viel lieber ein Arsch. Mit Haltung.

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