Gastkommentar
Kreative Solisten ohne Orchester

Zur Aufgabe, die Schweiz an die digitale Weltspitze zu bringen.

Hans Zbinden
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«Grosse Unterschiede bei der digitalen Entwicklung hätten fatale Folgen für die Chancengleichheit», sagt Hans Zbinden.

«Grosse Unterschiede bei der digitalen Entwicklung hätten fatale Folgen für die Chancengleichheit», sagt Hans Zbinden.

Plainpicture/PhotoAlto/Frederic

Der Bundesrat weist der Schweiz den Weg an die digitale Weltspitze – und hofft auf die zügige Transformation ihres Bildungswesens.

Vor einem halben Jahr hat Wirtschafts- und Bildungsminister Johann Schneider-Ammann den versammelten Medien stolz die wegweisende Strategie «Digitale Schweiz» samt Aktionsplan vorgestellt. Mit ihr soll Wirtschaft und Bevölkerung unseres Landes ein erfolgreicher Einbau der Informations- und Kommunikationstechnologien ICT in ihren Alltag gelingen.

Hans Zbinden

Der Autor ist Bildungswissenschafter und Bildungspolitiker. Er wirkte als Lehrer auf allen Schulstufen. Aber auch als aargauischer Grossratspräsident und Nationalrat.

Dieser gesellschaftlich-kulturelle Umbruch aller Lebensbereiche bedingt allerdings als Voraussetzung die digitale Transformation des Bildungswesens selbst: Ein babylonisches Unterfangen mit einem Netzwerk von 11 000 Schulen in 2400 Gemeinden, 26 kantonalen Kleinstaaten und 18 Pädagogischen Hochschulen. Dazu mit unterschiedlichen Zuständigkeiten in den zentralen Handlungsfeldern der Bildungsdigitalisierung: Die Kantone als Verantwortliche für das Setzen von Normen und Standards, die Zusatzbildungen der Lehrkräfte und die digitalen Lehrprogramme und -inhalte. Die Gemeinden als Zuständige für das Benützungskonzept der technischen Infrastrukturen und Endgeräte (Abgabe- oder Mitbringlösung).

Unter dem derzeitigen Koordinations- und Kooperationsmanko im Bildungsbereich wird das Ziel einer flächendeckenden informatischen Bildung mit mündig-kritischem Anspruch für alle immer mehr zur Risikopassage im Erklettern der digitalen Weltspitze. Zwar wurden nach dem Top-down-Prinzip von EDK und Bund rasch strategische Vorgaben und Aktionspläne proklamiert. An der schulischen Basis in Schulhäusern und Gemeinden hingegen wird der digitale Fortschritt eher nach dem Zufallsprinzip praktiziert. Vorangetrieben vorwiegend durch gut gemeinte Soloinitiativen einzelner innovativer Lehrpersonen, Schulleitender, Schulen und Behörden mit digitalen Affinitäten.

Das hat zur Konsequenz, dass wir heute schweizweit grosse digitale Entwicklungsunterschiede zwischen Kantonen, Gemeinden und Stufen im Bildungsraum konstatieren müssen. Mit längerfristig fatalen Chancengleichheiten für die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Deshalb stellt sich die Frage: Wer orchestriert eigentlich alle die laufenden Digitalisierungsbemühungen: Die von oben geforderten (Strategien von Bund und EDK) und die von unten realisierten (zahlreiche Basisprojekte in Schulen, Stufen und Fachbereichen) und erzeugt damit einen harmonischen digitalen Klang im landesweiten Bildungswesen?

Ein neugieriger Blick auf die in der Schweiz bereits weiter vorangeschrittene Wissenschaft und Wirtschaft könnte da weiterhelfen. Im Anschluss an die Bundesratsstrategie hat das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco eine ausführliche Auslegeordnung und zentrale Rahmenbedingungen zum Gelingen einer digitalen Schweizer Wirtschaft erstellt. Dazu entwickelte die Universität St. Gallen ein «digitales Reifegrad-Modell». Mit ihm lässt sich der aktuelle Entwicklungsstand einzelner Unternehmen und Branchen feststellen. Mit diesen Instrumenten ist die Wirtschaft in der Lage, rasch eigene digitale Stark- und Schwachstellen zu eruieren und zu justieren.

Im gemeinsam von Bund und EDK verantworteten Bildungsraum Schweiz hingegen dominieren heute digitale Soloaktionen. Und demzufolge auch ein nationales Kommunikations- und Absprachemanko zwischen Bund, Kantonen, Gemeinden und Bildungsstufen. Ein Umstand, der ein wechselseitiges «Schwarmlernen» der ganzen Bildungsgemeinschaft verunmöglicht. So mangelt es an einer schweizweiten Übersicht der nachahmenswerten digitalen Projekte. Ebenso fehlt ein Masterplan zur flächendeckenden Entwicklung eines digitalen Bildungsraumes Schweiz.

Der Masterplan hätte alle die bereits vorhandenen Strategien, Aktionspläne und Ressourceneinsätze für den digitalen Wandel auf allen Ebenen miteinander zu verknüpfen. Eine Aufgabe, welche dem von EDK und Staatssekretariat SFBI geschaffenen Koordinationsausschuss Digitalisierung in der Bildung (KoA Digi) wie auf den Leib geschrieben wäre. Verlangt doch sein Mandat: «Schafft kontinuierlich Voraussetzungen für eine kohärente gesamtschweizerische Politik beim digitalen Wandel des Bildungswesens.»

Doch genau diese Voraussetzungen fehlen bis heute für eine erfolgreiche Umsetzung.

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