Analyse
Spannt die Pferde ab!

In seiner Analyse zur Regulierung neuer Verkehrsmittel wie E-Bikes – und künftiger wie Lufttaxis – schreibt Raffael Schuppisser: «Ein E-Bike ist mehr als ein Velo mit Motor. Ihm kommt im Verkehrssystem ein neuer Platz zu. »

Raffael Schuppisser
Raffael Schuppisser
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Der Verkehrs-Club Schweiz fordert auf Velowegen ein Tempolimit von 30 Stunden Kilometern für E-Bikes. (Symbolbild)

Der Verkehrs-Club Schweiz fordert auf Velowegen ein Tempolimit von 30 Stunden Kilometern für E-Bikes. (Symbolbild)

KEYSTONE/WALTER BIERI

Wer vor hundert Jahren mit dem Auto durch Graubünden fahren wollte, musste Pferd oder Ochse vorspannen. So wollte es das Gesetz. Die Geschwindigkeit der neuen Vehikel war der Gesellschaft nicht geheuer – und so schränkte man die Möglichkeiten des Automobils ein und degradierte es zur Kutsche. Erst 1925, nach mehreren Volksabstimmungen, wurde die Einschränkung aufgehoben.

Heute mutet das natürlich absurd an, hindert aber Gesetzgeber nicht daran, sich ähnlich kuriose Regeln auszudenken. So hat die EU kürzlich beschlossen, dass neue Elektrofahrzeuge wie Benziner klingen müssen, indem sie über Lautsprecher imitierte Motorengeräusche von sich geben. Die Schweiz wird die europäische Vorgabe übernehmen. Dabei werden die Klagen über Lärmbelastung immer lauter, und gerade in den 30er-Zonen sind die fast geräuschlos rollenden E-Autos eine Wohltat. Doch weil sich die Menschen noch nicht an die lautlosen motorisierten Vehikel gewöhnt haben, will man E-Autos – zumindest für die Ohren – wieder zu herkömmlichen Autos umfunktionieren, und so einen Beitrag zur Umfallverhütung leisten.

Eine ähnliche Einschränkung könnte auch bald auf E-Bike-Fahrer zukommen. Weil sie wesentlich schneller unterwegs sind als die meisten anderen Fahrradfahrer, sollen sie sich auf Velowegen an ein Tempolimit von 30 Stunden-Kilometern halten. So zumindest will es der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS). Auch hier: Ein Gesetz soll die Gefahr einschränken, indem aus E-Velos wieder normale Velos gemacht werden. Wenn man mit den neuen Verkehrsteilnehmern nicht klar kommt, verändert man sie, bis sie wieder den alten gleichen. Nur: Der Verkehr lässt sich nie modernisieren, wenn man die neuen Vehikel gleich wieder um ihre Vorteile beschneidet.

Es ist auch nicht damit getan, wenn man eine neue Fahrzeugkategorie einfach als Erweiterung einer bestehenden sieht: das Auto etwa als motorisierte Kutsche oder das E-Bike als elektrobetriebenes Fahrrad. Damit wird man den Neuentwicklungen nicht gerecht. Ein E-Bike ist mehr als ein Velo mit Motor; ihm kommt im Verkehrssystem ein neuer Platz zu. Weil man damit fast so schnell fahren kann wie mit einem Auto, ersetzt es in einigen Familien den Zweitwagen – nicht aber die Rennvelos. E-Bikes zu fördern, statt sie von den Velowegen zu verdrängen, wäre deshalb für den Verkehr als Ganzes sinnvoll.

Auch den autonomen Autos soll künftig einmal ein eigener Platz im Verkehrssystem zukommen. Fatal wäre es, wenn man sie bloss als Weiterentwicklung bisheriger Autos sähe. Das könnte dazu führen, dass künftig jeder Haushalt mindestens ein selbstfahrendes Auto besässe. Und es ungefähr so nutzen würde: Am Vormittag fährt das autonome Auto den Mann ins Büro, kehrt zurück, bringt die Kinder zur Schule, kehrt zurück, bringt die Frau in die Stadt etc. Das hätte zur Folge, dass ein Auto in der Schweiz nicht wie heute durchschnittlich 1,6 Personen transportiert, sondern vielleicht 0,8 und die Strassen noch verstopfter wären.

Versteht man selbstfahrende Autos aber nicht als moderne PKWs, sondern als autonome Public-Cars, kann man ihre Möglichkeiten erst richtig nutzen. Per App würde man sie zu sich rufen – und im Sinne der Effizienz würden die Gefährte mehrere Passagiere, die in die gleiche Richtung müssen, zusammen transportieren. Eine Studie für die Stadt Lissabon hat ergeben, dass so die Anzahl Autos um fast 80 Prozent reduziert werden könnte.

Vor den autonomen Autos könnten aber bereits Personen-Drohnen den Verkehr modernisieren, denn im offenen Luftraum ist die Navigation einfacher als auf den dichtbefahrenen Strassen. Auch hier gilt es, Passagier-Drohnen als eine neue Kategorie von Flugobjekten zu begreifen. Sieht man in ihnen bloss strombetriebene Helikopter, besteht die Gefahr, sie zu überregulieren. Versteht man sie aber als Lufttaxis, könnten sich in den Metropolen die Verkehrs- und Lärmplage in die dritte Dimension erweitern.

Bei alldem besteht die eigentliche Schwierigkeit darin, dass neue Vehikel ältere nicht einfach ausrangieren, sondern ergänzen. Lange nachdem sich Passagier-Drohnen und autonome Public-Cars etabliert haben, werden noch herkömmliche Autos unterwegs sein – und manchmal sogar noch eine Pferdekutsche.

raffael.schuppisser@chmedia.ch

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