Spaziergang durch Aarau
Stadtoriginal Hans Fischer: Es hat von allem etwas. Etwas von allem zu viel

Hans Fischer hat Kultcharakter. Weil er viel zu Fuss in der Stadt unterwegs ist – und dabei immer sein Hemd bis zum Bauchnabel offen trägt. Fischer wurde letztes Jahr als Grafiker pensioniert.

Hans Fischer
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Stadtoriginal Hans Fischer vor dem Gebäude der AKB

Stadtoriginal Hans Fischer vor dem Gebäude der AKB

Montage

Ist es nicht eigenartig, wie sich beim Betreten einer Bank die Stimmlage fast unmerklich verändert. Man wird leiser, beinahe andächtig und kontrolliert nicht nur seine Stimme – auch seine Bewegungen. Etwa gleich, wie beim Betreten einer Kirche. Eines haben ja die beiden öffentlichen Weltunternehmen gleich: Es ist die Macht durch den Besitz von Äusserem!

Vor mir steht die Kantonalbank. Der Neubau ist 1993 bezogen worden. Die Front der Bank zeigt die Bahnhofstrasse, die Seite links grenzt an den Bahnhofplatz, die Seite rechts hat den Pestalozzi als Gegenüber, der Hof hinten zählt die Züge. Der Bau hat eigentlich nur ein typisches Merkmal: Die Architekten haben sich offenbar, bei Mario Botta im Tessin, einen Sonnenbrand geholt. Es war da, das Architekturbüro, Aeschbach Felber Kim. Eben, vom ersten Eindruck der Bank habe ich gerade gesprochen – von Mario Botta. Er ist am 1. April 1943 in Mendrisio (Kanton Tessin) geboren und gehört zu den besten Architekten der Gegenwart. Seine Leidenschaft für romanische Bauten in Italien ist unübersehbar! Mit Vorliebe setzt Botta für seine Werke Naturstein ein, oft im Hell-Dunkel-Kontrast gesetzt, Backstein und Beton. Botta ist Meister der Form und Gegenform, der Proportion. Der klaren Formsprache gesamt! Ein schönes Beispiel ist der Rundbau in Basel für die UBS. Ein Dialog der Rundung mit den «Treppenstufen». Ein echter Haupteingang – «ein Schlund mit Schiessscharten».

Meist holt er nur Zigaretten am Bahnhof. Doch sein Spaziergang quer durch die Altstadt empfinden viele als Provokation.
4 Bilder
Hans Fischer: «Dass die Leute dachten, ich wolle provozieren, merkte ich erst nach und nach an den Reaktionen.»
In Aarau ist Hans Fischer stadtbekannt. Regelmässig spaziert er quer durch die Altstadt zum Bahnhof und zurück.
Ausschnitt-Hans von Aarau

Meist holt er nur Zigaretten am Bahnhof. Doch sein Spaziergang quer durch die Altstadt empfinden viele als Provokation.

Sandra Ardizzone

Jetzt zu der Kantonalbank Aarau. Das Gebäude hat mindestens drei Eingänge. Jeder ist fast – und keiner richtig – ein Haupteingang zur Bank. Der Bau ist eine kraftlose Kopie von Botta. Wie bei einem Musterbau kann man wählen, welches Portal einem am besten gefällt. Und wenn man es nicht weiss, nimmt man halt alle drei. Es hat dann von allem etwas. Etwas von allem zu viel! Was allerdings nicht zur Auswahl steht, ist die Gliederung des Baukörpers im Ganzen. Die vorgehängten Steinplatten sind für die flächige Anordnung zu klein – dafür für Rundungen zu gross. Die Fenster sind langweilig verteilt. Da nützt auch ein Botta – Dreieckdach in schwindelnder Höhe über einem der drei Haupteingänge – nichts mehr.

Wenn man sich mit Mario Botta anlegt, sollte man genau wissen, was man tut. Man wird dann halt auch mit ihm verglichen!

An der Front der Kantonalbank reihen sich vier Geschäfte. Jedes einzelne hat auch einen echten Gegenwert an den Besucher weiterzugeben. Also von links nach rechts: Da ist mal Foto Schatzmann. Ein Fachgeschäft, das den Unterschied von Digital- und Analog-Fotografie noch kennt und damit auch umzugehen weiss. Kameras von Olympus – die kompakten und schönen – scheinen Schatzmanns Hausmarke zu sein. Das muss doch schnell gesagt sein: Ich habe selber eine solche – OM-1N-MD 1988 schwarz – schön! Ein paar Laufmeter botanischer Garten, wenn man beim Blumenladen Linder vorbeigeht – und vielleicht plötzlich, unweigerlich hält. Um etwas später, blumig und fröhlich, aus dem Laden zu laufen. Letec Aarau heisst der dritte Laden. Da gehts schon reinrassig digital zu. Apple lässt grüssen. Da habe ich mal ein MacBook gepostet. Weil das Digitale mir noch nicht in die Wiege gelegt werden konnte, bin ich mit ihm– dem Mac – ein paar Mal in der Station gewesen. Da hat es doch junge Leute, die mit «Digital» geschlafen haben – und jetzt all ihre Geheimnisse kennen!

Der Home Barista Shop wird von einem jungen, beweglichen Team geführt. Von Philippe, dem Verantwortlichen, Francisco und Fabio geführt. Sie sind noch nicht lange auf dieser Seite der Bahnhofstrasse. Sicher ist es jetzt aber die richtige Seite – so etwas wie die Goldküste – und noch dazu in guter Beziehung zu der Kantonalbank! Ein schönes Eck – Bistro mit der Frontseite Bahnhofstrasse und einer Winkelseite mit Sicht auf Pestalozzi. Da kann doch jeder Gast die Wetterlage selber mitbestimmen. Eine lange Bar ist das Zentrum der Wirtschaft. Hinter – und an der Bar spielt sich ja auch das Wichtigste ab. Der Raum ist farblich gut gehalten. Die Gestelle mit Kaffee und allem, was dazugehört, geben einem die Sicherheit , dass hier Profis am Werk sind. Es gibt auch keine bessere Dekoration. Sie dient dem Zweck, sie ist authentisch und darum auch schön.

Nachtrag: Da habe ich doch etwas Wichtiges vergessen – die Weinkarte – natürlich! Darunter ist ein schöner Weisswein aus Italien. Der Roero Arneis aus dem Piemont, Provinz Cuneo. Arneis ist eine sehr alte Rebsorte, die etwa vor 25 Jahren mit Erfolg wieder kultiviert wurde. So – das wärs.

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