Analyse
Warum die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik in Corona-Zeiten noch schwieriger ist

Der Bundesrat nervt sich über tweetende Wissenschafter, die dauernd für Misstöne sorgen. Einige Wissenschafter nerven sich über die Politik, die nicht auf Augenhöhe kommuniziere. Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik ist naturgemäss schwierig.

Christoph Bopp
Christoph Bopp
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Wir befinden uns wegen der Coronakrise in einem Dilemma zwischen Wissenschaft und Politik.

Wir befinden uns wegen der Coronakrise in einem Dilemma zwischen Wissenschaft und Politik.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Aus dem Altertum kennen wir bereits einen Fall von Politikberatung, der völlig schiefging. Am Ende des Trojanischen Krieges warnte die trojanische Prinzessin Kassandra vor der List der Griechen. Vergeblich, wie wir wissen. ­Kassandra war keine Wissenschafterin, aber ihre Warnung bezog sich auch auf die Zukunft. Leider hatte sie mit dem Handicap zu kämpfen, dass der Gott Apollon dafür gesorgt hatte, dass ihr niemand Glauben schenken sollte.

Die Situation stellt sich so dar: Die Griechen sind weg, vor der Stadt Troja steht das hölzerne Pferd. Die heikle Frage hatte die Politik eigentlich schon beantwortet: Ist das Pferd eine Chance oder ein Risiko? Der gesunde Menschenverstand sagte: Was kann an einem hölzernen Ding schon gefährlich sein? Dazu fiel der unglückliche Priester Laokoon einem Schlangenattentat zum Opfer, kurz nachdem er das Risiko beschworen hatte: «Timeo Danaos et dona ferentes» – «Ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen» (Vergil). Sein Schicksal interpretierte man als göttliche Strafe.

Die Vernachlässigung des Risikos und der Gang in die Katastrophe

Politikberatung findet statt im Spannungsfeld zwischen Risiko und Katastrophe. Es stehen sich gegenüber: höheres Wissen, also die Seherin Kassandra, und Plausibilität, also die Politik. Was man im Auge behalten muss: Es geht darum, etwas nicht zu tun. Die Politik hatte entschieden, das Risiko zu vernachlässigen. Die Ursachen waren Plausibilität – was kann ein Stück Holz schon schaden? – und die Scheu vor der Rechtfertigung: Warum habt ihr nichts gemacht? Also die Angst vor dem ewigen Vorwurf, Beamte würden lieber nichts tun. Aber die Entscheidung war falsch.

Das Kriterium der Politik ist Plausibilität. Entscheidungen müssen nachvollziehbar und – wie wir sehen werden: leider – verhältnismässig sein. Die Wissenschaft lebt, anders als viele vermuten, nicht im Land der unumstösslichen Gewissheiten, sondern im Gegenteil im Land der Unsicherheit. Das ist nicht Schwäche, sondern ihre Stärke, auch dort möglichst gültige Aussagen zu machen, wo das prinzipiell-theoretisch gar nicht möglich ist. Denn dort befinden sich auch die heiklen politischen Probleme, etwa das Klima.

Plausibilität besteht – gestützt auf Ortwin Renn – aus drei Komponenten: der formalen Konsistenz, der narrativen Stimmigkeit und dem Nachvollzug aus der Alltagserfahrung. Das Coronaproblem war für die westliche Politik der Worst Case. Es handelt sich um ein hochinfektiöses Virus, gerade so virulent, dass nicht gerade Massensterben droht, aber doch mit Verlusten an Menschenleben zu rechnen ist. Das erzeugte moralischen Druck: Man musste handeln und konnte es nicht einfach laufen lassen.

Die Wissenschaft modelliert das Risiko: Wie entwickelt sich die Pandemie? Im Nachhinein sehen wir ziemlich klar, dass ein harter Schnitt das beste gewesen wäre: vier Wochen totaler Lockdown und danach konsequentes Contact-Tracing und lokales Vorgehen gegen Ausbrüche.

Die Krise war nicht zu managen, das Management wird kritisiert

Das wäre natürlich völlig unverhältnismässig gewesen, denn formal ist das Virus nicht vom Kaliber des Schwarzen Todes; narrativ traf die Krise auf eine gewisse Abgehärtetheit: Gewarnt wurde schon vor Vogelgrippe und Sars – die Katastrophe blieb aus; und die Alltagserfahrung der medizinischen Experten und auch der Laien war dergestalt, dass mit einer gewissen Disziplin und sorgfältig austarierten Massnahmen die Sache unter Kontrolle gebracht werden könnte.

Wir sind nicht totalitär wie China und keine Insel wie Neuseeland. Wir befinden uns in einem Dilemma, das der Soziologe Niklas Luhmann sinngemäss so beschrieben hat: Die moderne Gesellschaft ist schockgelähmt vor ihren ­Risiken, weil es für das Risikoproblem in ihrem Rahmen keine Lösung gibt.