Fussball
Warum wir Cristiano Ronaldo seine Steuertrickserei verzeihen

Peter Rothenbühler ist Autor, Journalist und Editorial Designer. Er war Chefredaktor von "Sonntagsblick", "Schweizer Illustrierte" und "Le Matin". In seiner Kolumne schreibt er über die Erwartungen, die wir an Fussballgötter wie Cristiano Ronaldo haben.

Peter Rothenbühler
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Portugals Captain Cristiano Ronaldo macht derzeit mit seinen Problemen mit der spanischen Steuerbehörde Schlagzeilen. (Archiv)

Portugals Captain Cristiano Ronaldo macht derzeit mit seinen Problemen mit der spanischen Steuerbehörde Schlagzeilen. (Archiv)

KEYSTONE/AP/IVAN SEKRETAREV

Ich denke, es gibt drei Gründe dafür, dass wir bereit sind, das Steuerproblem von Ronaldo einfach zu vergessen: erstens ist er eine Art Gott. Zweitens erbringt er eine sichtbare Leistung, deren Wert wir besser einschätzen können als die Leistung eines Managers. Drittens ist er eben ein Fussballer und damit sowieso ein Trickser (davon später). Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro, 32, auch Ronaldo oder CR7 genannt, viermal Ballon d’Or, geboren in Funchal auf der Blumeninsel Madeira, wo der Flughafen seinen Namen trägt, hat Probleme mit der spanischen Justiz. Sie will ihn am 31. Juli einvernehmen, weil er vier Jahre lang Steuern hinterzogen habe und dem Staat rund 15 Millionen Franken schulde. Mithilfe seiner Mama habe er Werbeeinnahmen von mehreren Dutzend Millionen Franken über ausländische Firmen vor dem spanischen Fiskus verborgen. Er riskiert eine Gefängnisstrafe und eine Busse von rund 25 Millionen.

Cristiano Ronaldo reagiert auf die Vorwürfe der Justiz

Die Medien berichten erstaunlicherweise vor allem über Ronaldos beleidigte Reaktion. CR7 liess verlauten, es sei alles legal, er werde wegen dieser Affäre, die zu Unrecht aufgebauscht werde, seinen Club Real Madrid, den er zum spanischen Meister und zum Gewinner der Champions League gemacht hat, verlassen und Spanien den Rücken zukehren. Und schon gingen Gerüchte um, dass andere Superclubs wie Bayern München, Paris Saint-Germain oder Manchester United bereit wären, für CR7 fast eine halbe Milliarde Ablösesumme zu bezahlen. Doch Reals Präsident, der 70-jährige Florentino Perez, hat Ronaldo öffentlich sein volles Vertrauen ausgesprochen, und will ihm offenbar eine grosszügige Offerte unterbreiten: Der Club soll die zu erwartende Busse bezahlen und den Lohn des Goldfüsschens aufstocken. Sicher ist, dass der nicht vorbestrafte Ronaldo nie ins Gefängnis wandern wird, genau wie sein argentinischer Kollege Lionel Messi vom FC Barcelona, der ebenfalls wegen Steuerhinterziehung (von 4,1 Millionen) zu einer Gefängnisstrafe von 21 Monaten bedingt verurteilt worden ist. Ausserordentlich an der Geschichte ist eigentlich nur der Umstand, dass die Medien und die Fussballfans eigentlich nur interessiert, ob Ronaldo bei Real bleiben wird oder allenfalls ein anderer Club den Zuschlag erhält. Dass er ein gefitzter Steuerbetrüger ist (es gilt die Unschuldsvermutung) geht allen am Allerwertesten vorbei. Dies in einer Welt, wo zunehmend moralisiert wird, wo jeder Wirtschaftsboss, der mehr als eine Million verdient, von hässigen Bürgern vorgerechnet bekommt, dass er über zwanzig Mal mehr verdient als der Portier. Und wo einer, der Steuern hinterzieht, gesellschaftlich erledigt ist.

Aber schon die alten Römer sagten: quod licet Jovi non licet bovi. Frei übersetzt: Was Gott darf, darf der einfache Ochse nicht. Und Fussballgötter sind nun mal nicht simple Ochsen: Wie hat doch der Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter gerade letzte Woche am welschen Radio gesagt? Es falle schon auf, dass immer nur Fussballer wegen solcher Sachen verurteilt würden. Und nie Tennisspieler. Fussballer seien halt «des tricheurs», also Trickser, kleine Betrüger. Auch er selbst habe als Fussballer doch immer getrickst. Sagt Blatter, der vermutlich grösste Trickser der Fussballwelt. Er muss es wissen.

Wir gönnen den Fussballgöttern ihre hohen Saläre

Aber um auf Punkt zwei zurückzukommen: Wir mögen den Fussballgöttern den überrissenen Lohn und ein paar Sünden gönnen, weil sie ihre Leistung vor unseren Augen, vor einem Millionenpublikum erbringen und wir genau nachvollziehen können, was das wert ist. Nämlich unbezahlbare Emotionen bei viele Millionen Menschen, die sich wiederum in viele Millionen Werbegelder und Übertragungsrechte umwandeln lassen. Bei einem Manager kann kein normaler Bürger abschätzen, was er eigentlich tut. Ob er überhaupt etwas zum Erfolg eines Unternehmens beigetragen hat. Das ist suspekt. Dann noch zurück zu Punkt eins: Wir verzeihen ihm, weil er ein Gott ist. Ja, wir bewundern einfach solche Übermenschen, die dauernd Tore schiessen, wo andere Stars gegen Mauern laufen. Und deshalb dürfen sie auch mehr als Normalsterbliche. Stellen Sie sich mal vor, Ronaldo und Messi müssten in ein heisses spanisches Gefängnis einrücken, nur wegen ein paar Dutzend lumpiger, nicht deklarierter Millionen. Nicht auszudenken. Sie würden erst recht zu Heiligen, zu Märtyrern, das Volk würde die Gefängnisse stürmen. Wir wollen doch alle nur eins von den Fussballgöttern: Goals! Goals! Goals!