Wochenkommentar
Wenn Donald Trump die Welt zum Tanz bittet

In seinem Wochenkommentar schreibt Auslandchef Fabian Hock über das Verhalten der Mächtigen gegenüber US-Präsident Donald Trump.

Fabian Hock
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Fabian Hock: «Es ist schon seltsam, welche Tänze die Mächtigen der Welt aufführen, um die Gunst des US-Präsidenten zu gewinnen. Bislang praktizierte dies keiner so auffällig wie Emmanuel Macron.» (Archivbild)

Fabian Hock: «Es ist schon seltsam, welche Tänze die Mächtigen der Welt aufführen, um die Gunst des US-Präsidenten zu gewinnen. Bislang praktizierte dies keiner so auffällig wie Emmanuel Macron.» (Archivbild)

KEYSTONE/AP/ANDREW HARNIK

Benjamin Netanjahus Botschaft war unmöglich zu übersehen. In grossen Lettern, halb so hoch wie Israels Ministerpräsident selbst, prangte sie vom Bildschirm neben ihm: «Iran lied» – der Iran hat gelogen.

An einer gross angekündigten Präsentation enthüllte Netanjahu Anfang der Woche vermeintliche Neuigkeiten zur Glaubwürdigkeit des Iran. Dem Regime in Teheran sei einfach nicht zu trauen, so die Message seines Auftritts. Der Atomdeal aus dem Jahr 2015, den die USA, Frankreich, Grossbritannien, Russland, China und Deutschland mit dem Gottesstaat geschlossen hatten, um diesen vom Bau einer Atombombe abzuhalten, könne so unmöglich aufrechterhalten werden.

Beobachter kamen relativ schnell zu dem Schluss, dass es sich bei Netanjahus News um das handle, was man in Amerika einen «nothingburger» nennt – zu Deutsch: nichts als heisse Luft. Sämtliche Details des Vortrags waren längst bekannt, und nichts davon deutete auf einen Verstoss des Iran gegen das Atomabkommen hin.

Was sollte also das Ganze? Wichtiger als Netanjahus aufgewärmte Fakten ist,
zu wem er da eigentlich gesprochen hat.

Israels Premier wählte eine Art der Darstellung, die für die Veröffentlichung von scheinbar brandheissen Geheimdienstinfos nicht gerade üblich ist: Grosse Bilder, wenige Buchstaben, eine simple (auf Englisch formulierte) Botschaft.

Dort kitzeln, wo es kribbelt

Nun weiss man von einer bestimmten Person in Netanjahus Publikum, dass sie genau diese Art der Informationsübermittlung ganz besonders gerne mag. Die Rede ist vom US-Präsidenten. Donald Trump pflegt Fakten gegenüber ein nachweislich ambivalentes Verhältnis. Laut «Washington Post» log er im Amt bislang mehr als 3000 Mal. Mit Inhalten ist der Präsident demnach nur bedingt zu beeindrucken.

Wer Trump wirklich erreichen will,muss kreativ werden. So wie Netanjahu. Er hat Trump genau dort gekitzelt, wo es besonders kribbelt. Weniger wohlwollend formuliert, führte Israels Premier mit seiner Präsentation ein Theater auf, das dem für optische Reize und einfachen Satzbau empfänglichen US-Präsidenten auf den Leib geschneidert war.

Donald Trump war mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ohnehin die einzige Person, die Netanjahu erreichen wollte. Für Israels Premier ist der Atomdeal mit dem Iran des Teufels. Ziel des Vortrags könnte es gewesen sein, Trump eine öffentliche Rechtfertigung zum Aussteigen zu liefern. Am 12. Mai könnte es so weit sein – dann muss Trump sozusagen über die Verlängerung des Deals entscheiden.

Massgeschneiderte Vorträge, anbiedern, tätscheln: Es ist schon seltsam, welche Tänze die Mächtigen der Welt aufführen, um die Gunst des US-Präsidenten zu gewinnen. Noch auffälliger als Netanjahu praktizierte das Emmanuel Macron.

Als Höhepunkt seines Staatsbesuchs in Washington, der zu einem dreitägigen Austausch von Handschlägen und Schulterklopfern verkam, liess sich Frankreichs Staatsoberhaupt von seinem amerikanischen Pendant vor der versammelten Weltpresse brav lächelnd eine Hautschuppe vom Revers streichen. «Wir müssen ihn perfekt machen», kommentierte Trump. «Er ist perfekt.»

Grenzen der Anbiederung

Angela Merkel, die nur wenige Tage später nach Washington kam, hatte freilich
nicht dieselben Herzlichkeiten erwartet. Bekam sie auch nicht. Das lag nicht nur am kleineren Rahmen ihrer Visite in der US-Hauptstadt, die im Gegensatz zu Macrons Staatsbesuch nur als Arbeitsbesuch eingetragen war. Das Naturell der Kanzlerin sowie die eher unterkühlte Beziehung zum extrovertierten Trump lassen keine «High Fives» und wenig Zärtlichkeiten zu.

Dass aber auch das Schmeicheln und Umgarnen bei Trump begrenzte Wirkung hat, könnte sich an jenem 12. Mai zeigen, an dem Netanjahu auf das Ende des Iran-Deals hofft. Macron und Merkel waren nämlich auch in Washington, um Trump eine Botschaft hinsichtlich dieses Datums zu überbringen: «Steige, um Gottes willen, nicht aus dem Iran-Deal aus!»

Doch allen inhaltlichen Argumenten zum Trotz will Trump den Deal beerdigen. Das hatte er schliesslich im Wahlkampf versprochen. Im Moment, eine Woche vor dem Stichtag, stehen die Zeichen denn auch auf Ausstieg. Macrons Getätschel und die ganze inszenierte «Bromance» half diesbezüglich offenbar wenig.

Südkoreas Präsident Moon Jae-in, der sich seit neuestem um die Gunst des US-Präsidenten bemüht, hat derweil noch Hoffnung, dass seine Verführungskunst bei Trump anschlägt. Der US-Präsident solle den Friedensnobelpreis bekommen, findet Moon, für die Bemühungen in Sachen Nordkorea. Trump fühlt sich geschmeichelt.

Ähnlich wie Macron dürfte aber auch Moon bald feststellen, dass Donald Trump Komplimente zwar gern hat, aber deshalb noch längst nicht von seinen Vorstellungen abrückt. Spätestens beim anstehenden Treffen zwischen Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un wird sich wohl zeigen, dass auch südkoreanischer Charme keine Berge versetzen kann.