Gastkommentar
Wollen sie vielleicht den Wahn?

Das deutsche Volk war ein krankes Volk, das in Hitler einen Wunderarzt fand, der ihm versprach, aus ihm wieder ein Volk zu machen, das Erfolg haben würde.» So erklärte – fünfzig Jahre später – die langjährige «Le Matin»-Korrespondentin und Zeitzeugin Stéphane Roussel, warum die Deutschen Adolf Hitlers Aufstieg zu ihrem Diktator ermöglicht hatten.

Patrick Tschan
Patrick Tschan
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Weil die Welthandelsorganisation die von ihm angestrebten Strafzölle nicht akzeptieren würde, will Donald Trump aus der Handelsorganisation austreten. (Archivbild)

Weil die Welthandelsorganisation die von ihm angestrebten Strafzölle nicht akzeptieren würde, will Donald Trump aus der Handelsorganisation austreten. (Archivbild)

KEYSTONE/AP/CAROLYN KASTER

Das deutsche Volk war ein krankes Volk, das in Hitler einen Wunderarzt fand, der ihm versprach, aus ihm wieder ein Volk zu machen, das Erfolg haben würde.» So erklärte – fünfzig Jahre später – die langjährige «Le Matin»-Korrespondentin und Zeitzeugin Stéphane Roussel, warum die Deutschen Adolf Hitlers Aufstieg zu ihrem Diktator ermöglicht hatten.

Ein «krankes Volk»? Wechselweise ist ja auch der Führer «krank», hier nun einmal das Volk. Wenn das Volk aber gar nicht «krank» wäre? Was tut man dann, um es in eine Richtung zu lenken, die den eigenen Zwecken nutzt? Man bläut ihm ein, dass es «krank» sei, dass es darbend am Boden liege. Niedergedrückt von einem abgehobenen politischen Establishment, welches sich nur noch um die eigenen Belange kümmere. Solche Strategien gelangen auch heute zur Anwendung.

Patrick Tschan

Der Schriftsteller, geboren 1962, lebt in Allschwil. Jüngste Buchpublikationen: «Eine Reise später» (2015), «Polarrot»(2012), im Verlag Braumüller.

«Make America great again», verspricht der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump seinen Landsleuten und malt ihnen eine Nation im Todeskampf an die Wand. Mexiko würde die USA mit seiner Einwanderung killen, Tausende Jobs fehlten, alle Muslime seien potenzielle Terroristen, die Medien sowieso alles Lügner.

Im Unterschied zu dem, was Donald Trump behauptet, sprechen die Zahlen eine ganz andere Sprache: Die Arbeitslosenquote der USA liegt bei 4,9 Prozent (CH: 3,8 Prozent), der Ausländeranteil bei 7,4 Prozent (CH: 25 Prozent), marginale 0,9 Prozent sind Muslime (CH: 5 Prozent).

Was kratzen den Wähler Zahlen, die Wählerin Fakten? Trotz einer ganz anderen Wirklichkeit, sind Millionen Amerikaner offenbar bereit, Trump die Präsidentschaft des mächtigsten Landes der Welt anzuvertrauen. Obwohl der Mann eine komplett falsche Beurteilung der Wirklichkeit propagiert – was medizinisch der Definition des «Wahns» entspricht –, finden seine Botschaften in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten Gehör. Erst in jüngster Zeit scheinen gewisse republikanische Repräsentanten dieser Fälschungen allmählich müde zu werden.

Verneinung der Realität und Aufbau einer eigenen Realität: Das ist auch ein gängiges Muster bei Menschen, die Verletzungen und Zurückweisungen in Familie und Gesellschaft erfahren haben. Sie ziehen eine Schutzmauer hoch aus tatsächlicher oder künstlicher Ignoranz und stellen sie der real existierenden Wirklichkeit gegenüber. Nur Gleichgesinnte erhalten Zutritt zu diesen abgeschotteten Räumen. Geben sich Populisten als Gleichgesinnte aus, fallen deren falsche Versprechen und Heilslehren (etwa religiöser Natur, totalitäre Weltanschauungen etc.) auf fruchtbaren Boden. Man ist bereit, den eigenen Wahn an jene Leute zu delegieren, die einem versichern, den Wahn forsch in die Realität umzusetzen.

Dies ist die pathologische Gruppe. Es dürften zwischen zwei und drei Prozent der Wahlberechtigten sein. Um Demagogen wie Trump an die Macht zu bringen, braucht es jedoch entschieden mehr Menschen, die sich auf falsche Versprechen einlassen. Es braucht Leute, die sich beinahe willentlich zunehmend ignorant gegenüber Argumenten zeigen, die auf Fakten beruhen. Der Satz: «Ich weiss es, aber es ist mir egal», wird allmählich zum Satz: «Das stimmt nicht, der Klimawandel wurde von den Chinesen erfunden.» Oder: «Die Mexikaner sind Vergewaltiger.» Den Wahn des Kandidaten macht man sich zu eigen – oder nimmt ihn einfach in Kauf. Wohin die Reise geht, ob dabei Meinungsfreiheit und Grundrechte geopfert werden, spielt keine Rolle. Ja, der Wahn ist oft sogar erwünscht: «Endlich ist mal einer da, der es denen zeigt.»

Hitler brauchte fünf Jahre, um die Deutschen zu überzeugen, ihm blind zu folgen. An der Reichstagswahl 1928 erhielt seine NSDAP 2,6 Prozent der Stimmen. Zwei Jahre später 18,3 Prozent, wiederum zwei Jahre später war die NSDAP absolut stärkste Partei mit 37 Prozent. Im Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Reichstagsbrand, Ermächtigungsgesetz, Internierung der Gegner, Bücherverbrennungen und Gleichschaltung der Medien folgten. Irgendwie alles aus jüngster Vergangenheit bekannt: vom angeblichen Militärputsch in der Türkei, für Erdogan Vorwand für die Verhaftung Tausender politischer Gegner, Notstandsgesetze, Gleichschaltung der Medien.

«Glaubt mir, sobald ich Präsident bin, kriegen die Medien Probleme. Oh, solche Probleme», sagte Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung. Mit der Gleichschaltung der Presse – siehe auch Ungarn, Polen China und Nahost – beginnt die Ausgrenzung der Realität. Und mit ihr die Etablierung des Wahns als neue Wirklichkeit. Wohin dies führt, haben verheerende Entwicklungen auf allen Erdteilen bewiesen. Es braucht nicht ein weiteres Mal den Sukkurs von Wahn. Nicht einmal in diskreter Form von Geld aus den Teppichetagen grosser Schweizer Konzerne, die mehrheitlich Trump mit mehr Spenden eindecken als seine Konkurrentin Hillary Clinton.

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