Wochenkommentar
Zum Frauenstreik: Was nun gefragt ist, damit sich etwas ändert

«Dass es 28 Jahre nach dem ersten Frauenstreiktag noch immer notwendig ist, Verbesserungen einzufordern, kann man bedauern. Aber es darf nicht ernsthaft überraschen», schreibt Odilia Hiller, Mitglied der Chefredaktion von CH Media, in ihrem Wochenkommentar.

Odilia Hiller
Odilia Hiller
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Frauenstreik in der Schweiz
86 Bilder
Friedlich marschieren die Demonstrierenden durch die Stadt.
Die erhobene Faust: Zeichen des Protestes.
Ihre Anliegen präsentieren die Streikenden auf den Plakaten. Hier: Selbstbstimmung.
Der Deomonstrationszug zieht durch die Altstadt.
Vertreten sind mehrere Generationen.
Die Gassen der Altstadt sind voll von Protestierenden.
Diese Demonstrantinnen zitieren Emil Manser, das vor bald 15 Jahren verstorbene Luzerner Stadtoriginal.
Lila ist eine der Farben der Bewegung.
Aufkleber zieren Taschen und T-Shirts.
Urner Frauen machen ihre Anliegen vor dem Telldenkmal publik.
Frauenstreik in Altdorf im Rahmen eines Apéros im Restaurant Schüztenmatte.
Frauen und Männer treffen sich auf dem Helvetiaplatz anlässlich des Frauenstreiks in der ganzen Schweiz, am Freitag, 14. Juni 2019, in Zürich.
Frauenstreik im Zürcher Gemeinschaftszentrum Schindlergut am Freitag, 14. Juni 2019.
Pflegerinnen vor dem Zürcher Universitätsspital am Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019.
Frauen und Männer treffen sich auf dem Helvetiaplatz anlässlich des Frauenstreiks in der ganzen Schweiz, am Freitag, 14. Juni 2019, in Zürich.
Frauen und Männer treffen sich auf dem Helvetiaplatz anlässlich des Frauenstreiks in der ganzen Schweiz, am Freitag, 14. Juni 2019, in Zürich.
Frauen und Männer treffen sich auf dem Helvetiaplatz anlässlich des Frauenstreiks in der ganzen Schweiz, am Freitag, 14. Juni 2019, in Zürich.
Frauen und Männer treffen sich auf dem Helvetiaplatz anlässlich des Frauenstreiks in der ganzen Schweiz, am Freitag, 14. Juni 2019, in Zürich.
Zwei Frauen umarmen sich mit einem Plakat in der Hand, an einer Kundgebung zum nationalen Frauenstreik, am Freitag, 14. Juni 2019, in St. Gallen.
Zwei Frauen machen ein Selfie, an einer Kundgebung zum nationalen Frauenstreik, am Freitag, 14. Juni 2019, in St. Gallen.
Eine junge Frau mit Peacefahne und Skateboard, an einer Kundgebung zum nationalen Frauenstreik, am Freitag, 14. Juni 2019, in St. Gallen.
Frauenstreik in Lausanne.
Eine Frau schwingt die Fahne des Frauenstreiks vor dem Bundeshaus, am Freitag, 14. Juni 2019 in Bern.
Frauen und Männer demonstrieren vor dem Bundeshaus am Tag des Frauenstreiks am Freitag, 14. Juni 2019 in Bern.
Tausende Frauen, einige Männer und Kinder marschieren für bessere Bedingungen bei der Kinderbetreuung am Tag des Frauenstreiks am Freitag, 14. Juni 2019 in der Innenstadt von Bern.
Ein Schild mit der Aufschrift «1 Jahr Mutterschaftsurlaub», bei einer Kundgebung zum Frauenstreik auf dem Bundesplatz, am Freitag, 14. Juni 2019 in Bern.
Mit einem Flashmob wird der Verkehr kurzfristig lahmgelegt im Rahmen des Frauenstreiks auf dem Claraplatz in Basel am Freitag, 14 Juni 2019.
Dort, wo normalerweise Freundschaftschlösser befestigt werden, hängt ein Büstenhalter und ein Palakt für den Frauenstreik am Käppelijoch in Basel am Freitag, 14 Juni 2019.
Blockiertes Zürcher Central am Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019.
Blockiertes Zürcher Central am Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019.
Frauen aus dem Schulamt auf dem Zürcher Münsterhof am Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019.
Frauenstreik auf dem Zürcher Münsterhof am Freitag, 14. Juni 2019.
Blockiertes Zürcher Central am Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019.
In der ganzen Stadt sind violette Bänder befestigt, so wie an diesem Laternenpfahl auf der Mittleren Brücke, im Rahmen des Frauenstreiks in Basel am Freitag, 14 Juni 2019.
Der Männliturm der Museggmauer – Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Die Zeit ist reif – Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Frauen streiken am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Eine Frau zeigt ihren Bauch mit der Aufschrift "I GAVE LIFE" am nationalen Frauenstreik am Freitag, 14. Juni 2019, in Luzern.
Mitarbeiterinnen einer KiTa legen ihre Arbeit nieder anlässlich des Frauenstreiks.
Mitarbeiterinnen einer KiTa legen ihre Arbeit nieder anlässlich des Frauenstreiks.
Mitarbeiterinnen einer KiTa legen ihre Arbeit nieder anlässlich des Frauenstreiks.
Nationalratspräsidentin Marina Carobbio Guscetti (vorne links), Bundesrätin Viola Amherd (mitte) und die Nationalrätinnen kommen während einer Unterbrechung im Parlament zu den streikenden Frauen auf den Bundesplatz.
Sibel Arslan, Grüne Baselstadt (rechts) macht ein Selfie mit Nationalratspräsidentin Marina Carobbio Guscetti, Bundesrätin Viola Amherd und Nationalrätin Isabelle Moret (von rechts) bei einer Kundgebung zum Frauenstreik auf dem Bundesplatz.
Bundesrätin Viola Amherd (links) und die Nationalrätinnen Isabelle Moret, Edith Graf-Litscher, Margret Kiener Nellen und Yvonne Feri (von links) kommen während einer Unterbrechung im Parlament zu den streikenden Frauen auf den Bundesplatz.
Eine Aktivistin hängt eine Fahne an eine Statue vor dem Bundeshaus.
Lehrerinnen auf ihrem Protestmarsch durch das Quartier von Hottingen in Zürich.
Lehrerinnen auf ihrem Protestmarsch durch das Quartier von Hottingen in Zürich.
Frauenstreik in Zürich am Freitag, 14. Juni 2019.
Aktivistinnen hängen am Gebäude des Medienhauses der Tamedia in Bern Transparente auf.
Aktivistinnen richten sich an einer Strassenecke ein, am Tag des Frauenstreiks am Freitag, 14. Juni 2019 in Bern.
Teilnehmerinnen am Frauenstreik sitzen in einem Strassencafe und geniessen Kaffee und Gipfeli, am Freitag, 14. Juni 2019 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Bundesrätin Simonetta Sommaruga in Lausanne.
In einem Gynasium in Lausanne wird gestreikt.
«Zmorge» auf der Strasse am Frauenstreik in Lausanne.
«Zmorge» auf der Strasse am Frauenstreik in Lausanne.
Violett dominiert im Bundeshaus: Yvonne Feri, SP Kanton AG (links), begrüsst Bundesrätin Viola Amherd im Nationalrat.
Die SP-Nationalrätinnen Nadine Masshardt, Yvonne Feri, Laurence Fehlmann Rielle, Priska Seiler Graf, Barbara Gysi, Mattea Meyer, und Jacqueline Badran (von links) posieren für ein Selfie.
Margret Kiener Nellen, SP Kanton BE, verdeckt, zeigt neben Flavia Wasserfallen, SP Kanton BE (rechts), eine Flagge des Frauenstreiks im Nationalrat.
In Lausanne war bereits in der Nacht viel los.
Symbolisch einen BH verbrennen: Frauenstreik in Lausanne.
Frauenstreik in Lausanne – es brennt.
Nein ist Nein – Frauenstreik in Lausanne.
Die Kathedrale in Lausanne mit violettem Kopf.
Das Logo des Frauenstreiks vom 14. Juni wird von der gegenüberliegenden Seite des Rheins auf den Roche-Turm projiziert in Basel, am Donnerstag, 13. Juni 2019.

Frauenstreik in der Schweiz

Pius Amrein, Luzern 14. Juni 2019

«Frauen first», hiess es am Freitag im ganzen Land. Wie im Jahr 1991 hatten ursprünglich gewerkschaftliche Kreise zum Frauenstreik aufgerufen. Doch auch diesmal sind Arbeitnehmerinnen, Mütter, Migrantinnen, Grossmütter, Studentinnen und Schülerinnen weit über das linke Spektrum hinaus auf die Strasse gegangen. Sie wollen vor allem eines: laut und deutlich auf die Missstände und strukturellen Ungerechtigkeiten hinweisen, denen Frauen in ihrem Alltag noch immer auf Schritt und Tritt begegnen.

Die Zahlen und Fakten sprechen für sich. Lohnungleichheit, der Karriereknick nach der Mutterschaft, das Armutsrisiko oder der nach wie vor niedrige Frauenanteil in Politik und Chefetagen sind dabei nur einige Stichworte. Der 14. Juni war der Tag, an dem alles wieder einmal zusammengetragen wurde mit dem Ziel, der Wut und dem Frust Luft zu verschaffen – und Verbesserungen einzufordern.

Die Vergangenheit hinterlässt Verkrustungen

Dass dies 28 Jahre nach dem ersten Frauenstreiktag noch immer notwendig ist, kann man bedauern. Aber es darf nicht ernsthaft überraschen. Vergangene Jahrtausende, in denen fast ausschliesslich die Männer über das Schicksal der Frauen richteten, wiegen schwer. Sie haben Verkrustungen hinterlassen, die sich nicht innert einiger Jahrzehnte aufbrechen lassen.

Müde machen allerdings die Zweifler, Relativierer und Bagatellisierer. Wir kennen sie alle: Ist denn das wirklich alles so schlimm? Wird sich das nicht von allein einpendeln? Warum die Aufregung? Ist das jetzt nicht alles ein wenig übertrieben?

odilia.hiller@tagblatt.ch

Dies muss nicht heissen, im steten Kampfmodus zu leben. Es darf aber noch weniger heissen, in der Opferrolle stecken zu bleiben.

Ja, die Forderungen der Gewerkschaften gehen teilweise sehr weit. Gratis-Verhütungsmittel für alle Frauen und Hausfrauenlöhne sind Ziele, über die man unterschiedlicher Ansicht sein kann. Es ist aber bekannt, dass es in der Politik – ähnlich wie auf dem Souk – nicht das Ungeschickteste ist, mit einer Maximalforderung in Verhandlungen einzusteigen. Zurückschrauben kann man immer noch.

Deshalb war es der Tag der Maximalforderungen. Der Tag der Wut, aber auch des Feierns berechtigter Anliegen, die in unserem Land nicht laut genug wiederholt werden können: Die Schweiz muss familienfreundlicher werden, wenn wir ernsthaft wollen, dass Frauen und Männer im Beruf die gleichen Aufstiegschancen erhalten. Es braucht echte Wahlmöglichkeiten für alle, damit zeitgemässe Familienmodelle und Karrierepläne entstehen können, die nach einer Mutterschaft nicht implodieren oder nur unter Aufbietung übermenschlicher Kräfte der Frau überleben.

Es braucht die Männer, um weiterzukommen

Denn so viel ist klar: Die Rechnung geht auch im Jahr 2019 für zu viele Frauen nicht auf. Sie reiben sich auf zwischen Partnerschaft, Familie, Job und Haushalt und verzichten viel zu oft auf viel zu viel. Krankheit, Erschöpfung, zerbrochene Ehen und Beziehungen sind nur einige der Auswirkungen dieser Doppel- und Dreifachbelastungen, die oft jahrelang andauern. Nicht zu reden von den Herausforderungen, die in unserem Land auf Alleinerziehende warten, die bisher kaum eine Lobby hatten.

Keine Frage, die Männer dürfen von dieser Diskussion nicht ausgeschlossen werden. Ohne sie geht gar nichts davon, was für die Sache der Frau getan werden muss. Immerhin unterstützen weit mehr Schweizer als vor 28 Jahren den heutigen Frauenstreiktag ideell oder praktisch, indem sie am Streik mitlaufen oder dafür sorgen, dass die Arbeitswelt heute nicht zusammenbricht.

Was aber können wir tun, damit die hehren Wünsche, die von den Redepulten schallen, etwas bewirken – und nicht gleich wieder verhallen?

Die Frauen selber können sehr viel machen. Sie können noch mutiger werden. Sich viel öfter an den Worten «Ich will» oder «Ich will nicht» versuchen. Sich Gehör verschaffen und Risiken eingehen. Sie können versuchen, Töchter heranzuziehen, die weniger Angst haben, sich zu exponieren, und die sich trauen, Entscheidungen in einer Freiheit zu treffen, die früheren Mädchengenerationen weder anerzogen noch zugestanden wurde.

Dies muss nicht heissen, im steten Kampfmodus zu leben. Es darf aber noch weniger heissen, in der Opferrolle stecken zu bleiben. Nur dann kann das Potenzial genutzt werden, das in der MeTooDebatte steckt. Der grösste Erfolg des Frauenstreiks wäre, wenn aus der Wut Kraft entsteht.