Der Landbasler
Die Tschu Tschu-Bahn als Signal fürs Baselbiet

Der Landbasler will auch Visionär sein und bleiben. Zum Autor: Thomas Schweizer ist ein ehemaliger Lehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof und heute als Buchautor und Literat tätig. Er lebt in Füllinsdorf.

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Unser Autor träumt von einem gänzlich führerlosen Waldenburgerli.

Unser Autor träumt von einem gänzlich führerlosen Waldenburgerli.

zVg/ Buch «Waldenburgerbahn»

Eine Meldung hat kürzlich im oberen Baselbiet die Runde gemacht. Die WB - mein geliebtes Waldenburgerli - wird erst in Jahrzehnten führerlos durchs Tal hinauf und hinunter sausen. Dennoch bleibt meine Vision ungetrübt.

Sie geht so: Die total erneuerte WB ist auf ihrer letzten Testfahrt ohne Lokführer. Nach jahrelangem Suchen, Tüfteln und Forschen ist es gelungen, alle Tücken in den Gemeinden zu beheben. Die Bach-Probleme in Niederdorf konnten gelöst werden, und in Oberdorf wurde sogar - oh Wunder - das vom Heimatschutz empfohlene Ortsbild aufgewertet.

Die zwei verlotterten Häuser in der Hinteren Gasse (eines hatte mal meinem Urgrossvater gehört) sieht man ja vom Zug aus nicht. Nun sitze ich im umgebauten Führerstand zusammen mit den Technikern der BLT.

Man hat mich als Baselbieter Chronist eingeladen, mitsamt vielen Fachjournalisten von überall her. Alle sind entzückt, denn zum ersten Mal wird in Europa eine Überlandbahn ferngesteuert fahren. Wir singen fröhlich den alten Glen Miller-Hit vom «Chattanouga Choo Choo». Nur ganz zuhinterst im Zug vergiesst der alte Koni bittere Tränen.

In Hölstein wartet der Oris-CEO mit seiner neusten Chrono, denn er ist beauftragt, die Fahrzeit zu kontrollieren. Alles paletti, denn sekundengenau fährt der Zug durchs Dorf. So kommen wir flott voran. Auf der Strasse sieht man immer wieder selbstfahrende Autos. «Das wird bald eine ernsthafte Konkurrenz für uns», brummt ein Techniker.

Seine Kollegen nicken stumm. In Liestal werden wir jubelnd empfangen. Der neue Bahnhof hat schon kräftige Konturen angenommen. Weltstädtisches Flair ist angesagt. Gut so, das passt zur WB, denn das fehlt dem Baselbiet mitunter: Das Denken im Grossen.

Habe ich geträumt oder ist die Fantasie wieder einmal mit mir durchgegangen? Nein, es ist nur das Narrativ einer Vision: Willkommen in der digitalen Welt der Roboter und der Automatisierung. Gewiss würde mich Frau Martullo-Blocher in den Senkel stellen: «Juur ä driimer.»

Ich aber meine, dass nichts besser zu einem neuen Aufschwung des Baselbiets passe als die neue WB. Sie spiegelt weiter ein ganzes Tal, das dank der Uhrenindustrie bereits mit der Welt verbunden war («Waldenburg in Switzerland» hiess es auf einer Klingenden Postkarte 1959) als die Zeitgeist-Menschen das Wort Globalisierung noch längst nicht erfunden hatten. So wie «Revue» und «Oris» einst für Innovation und Zukunftsglauben standen, so wird die WB zum Signal eines neuen Aufbruchs. Nur, allein schafft es das Tal meiner Kindheit nicht mehr.

Kein Tal schafft es mehr allein. Darum ist in unserem Fall die Kooperation zwischen den Frenkentälern und Liestal (mit seiner Umgebung, ich bin dabei!) so wichtig. Das muss gelingen, denn das ist nun mehr als eine Vision. Selbst Koni, der alte Lokführer, hat erkannt, dass die Zukunft längst begonnen hat. Er wird in der Roboter-Zentrale eine neue Aufgabe finden. Seine Tränen sind getrocknet, und das Salz, das auf seinen Wangen bleibt, ist das Salz des Lebens und des Wandels.

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