Mein Leben im Dreiland
Hohes Niveau im Provinznest Saint-Louis

In Saint-Louis findet man viel kulturelles und intellektuelles Futter: Von Vorlesungen im «Caveau du Café Littéraire» über eindrückliche Ausstellungen im Museum «Fondation Fernet-Branca» bis zur kleinen deutsch-französischen Buchhandlung «Toute une Histoire».

Peter Schenk
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Jean Ueberschlag, ehemaliger Maire von Saint-Louis und Präsident der Fondation Fernet Branca bei der Ansprache zur Vernissage des Künstlere Didier Paquignon und seiner Ausstellung «Muses» im Museum «Fondation Fernet Branca» in Saint-Louis.

Jean Ueberschlag, ehemaliger Maire von Saint-Louis und Präsident der Fondation Fernet Branca bei der Ansprache zur Vernissage des Künstlere Didier Paquignon und seiner Ausstellung «Muses» im Museum «Fondation Fernet Branca» in Saint-Louis.

Peter Schenk

Natürlich ist Saint-Louis mit seinen 21 000 Einwohnern ein kleines französisches Provinznest. Um so eindrücklicher, was manchmal hier möglich ist. So hat mir kürzlich der Basler Autor und langjährige Präsident der Lesegesellschaft Albert M. Debrunner begeistert von einer Veranstaltung berichtet, die Ende 2015 im Caveau du Café Littéraire stattfand. Es ging um einen Vortrag des marokkanischen Anthropologen Hassan Rachik zum Thema Ideologien und religiöse Identitäten (frei übersetzt).

«Der Vortrag und die anschliessende Diskussion waren sehr inspirierend und haben meinen Glauben an die Aufklärung, der im vergangenen Jahr arg gebeutelt wurde, wieder bestärkt. Was mich überdies beeindruckte, war, dass eine derartige Veranstaltung ein so grosses Publikum anzog, der Saal war gerammelt voll. Die Basler haben keine Ahnung davon, wie lebendig in Frankreich die intellektuelle Tradition ist», schrieb mir Albert M. Debrunner.

Ich bin selber vorletzten Samstag im Museum «Fondation Fernet-Branca» auf einer Vernissage gewesen. Unter dem Titel «Les Muses» zeigt der Pariser Künstler Didier Paquignon 138 Werke von Männern um die 50 bis 60 Jahre, berühmt oder unbekannt, die ihm Modell gestanden haben. Alle zeigen sich mit nacktem Oberkörper. Die Zeichnungen sind jeweils 1,20 Meter hoch und hängen dicht gedrängt im ersten Stock.

Paquignon zeigte sich beeindruckt vom enormen Mut der Männer, und was in der ehemaligen Kräuterschnapsfabrik zu sehen ist, ist wirklich eindrücklich. Der Künstler hat seine Modelle zuerst fotografiert, die Fotos zerschnitten und Stück um Stück als Zeichnung auf eine Plexiglasplatte übertragen und in einem zweistündigen Vorgang gedruckt. Entstanden sind so Monotypen – es gibt von jedem Werk nur eine Fassung.

Fussball-Nationaltrainer machte mit

Seit fünf Jahren arbeitet der Künstler an seinem Projekt. Manche Männer sind zwei Mal oder drei Mal zu sehen. Gezeigt werden 93 Männer, darunter auch der Ex-Trainer der französischen Fussballnationalmannschaft Raymond Domenech, der sich nach einem einfachen Telefonanruf von Paquignon bereit erklärte, bei der Aktion mitzumachen. Im Erdgeschoss des Museums, das aus einer Vielzahl von Räumen besteht, ist derzeit die Ausstellung «Métamorphoses» von drei Künstlerinnen zu sehen, die Paquignons Arbeiten ideal ergänzt.

Gut verbinden kann man einen Museumsbesuch mit einem Abstecher in die kleine deutsch-französische Buchhandlung «Toute une Histoire», die sich seit September 2014 auf dem zentralen Platz Croisée des Lys, Nummer 3, befindet. Die junge Buchhändlerin Evelyne Wessang (25) stammt aus Saint-Louis. 30 Prozent der 5500 Bücher, die sie vorrätig hat, sind auf Deutsch. Weil sie sich mit Engagement für die Buchpreisbindung einsetzt, verkauft sie die deutschen wie die französischen Bücher zu den aufgedruckten Preisen – das heisst, die deutschen Bücher sind nicht teurer als in Deutschland.

Auf die Idee gekommen ist sie, weil es im Raum Saint-Louis viele deutsch-französische Klassen und Paare gibt. Im ersten Stock kann man gemütlich einen Café trinken und ein wenig schmökern. Regelmässig stellt die junge Buchhändlerin ihre Lieblingsbücher vor, organisiert Lesungen oder ist mit einem Büchertisch bei Veranstaltungen wie der erwähnten im Caveau präsent.

Mehr Infos unter www.librairie-touteunehistoire.fr und www.fondationfernet-branca.org.

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