Stadtbummel Solothurn
Neue Zeiten, neue Zwänge . . .

Fraglos. Um die fünfte Jahreszeit kommt derzeit nur herum, wer die Flucht über die Stadtgrenzen sucht.

Andreas Kaufmann
Andreas Kaufmann
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Vor dem Urknall soll nicht gechesslet werden.

Vor dem Urknall soll nicht gechesslet werden.

Thomas Ulrich und Tina Dauwalder

Und natürlich würden hiesige Fasnächtler höhnisch bemerken, dass Grenchen genau jetzt wohl der beste Ort für jeden Fasnachtsmuffel sein müsste, um seine Ruhe zu haben. Der Stadtbummler aber distanziert sich in aller Form von derartigen Äusserungen, da er selbst seine Wurzeln im Westen hat und zumindest annimmt, dass es so nicht ganz stimmt.

Sobald man aber – wie im vorliegenden Fall – seit einigen Monaten selbst in Solothurn Fuss gefasst und Wohnsitz genommen hat, fangen sich erste Symptome der Integration bemerkbar zu machen. Dazu gehört – um den etwas fragwürdigen Auswüchsen des derzeitigen politischen Klimas Rechnung zu tragen – auch das Bemühen, sich bedingungslos an die Gepflogenheiten des neuen Kulturkreises, also Solothurn, anzupassen. Und man beginnt, sich über jene Möchtegernnarren aufzuregen, die mit Gedröhne, Gerassel und Geschepper vor fünf Uhr den Schmutzigen Donnerstag einläuten. Das weiss man auch als Zugereister relativ rasch: ein Affront, ein Sakrileg. Man regt sich auch über jene auf, für die einer «Verkleidung» lediglich mit giftgrüner Haarfärbung oder pinkfarbener Perücke Rechnung getragen wird. So gibts mit geringem Aufwand hie und da einen Gratiseintritt . . .

Nun gelangen wir aber schon zur Kehrseite der hiesigen Fasnacht. Während die fünfte Jahreszeit nicht zuletzt auch der Flucht vor den Zwängen der restlichen 358 Tage im Jahr dient – verflixterweise sind es im Schaltjahr 2016 sogar noch 359! –, halst man sich gerade mit dem Anbruch der närrischen Zeit neue Zwänge, neue Normen auf. Und damit neue Fallstricke, solange man sich ausserhalb dieser Normen befindet. In Fasnachtszeitungen, Schnitzelbänken und anderen Narrenkanälen wird zwar scharf geschossen. Aber auf Kritik, die aus dem Wald wieder herausschallt, reagiert manch passionierter Narr empfindlich. Und was hüben zutrifft, ist drüben nicht anders: So dürfte ein hochrangiger Grenchner Fasnächtler kaum zugeben, dass er am ereignislosen Grenchner Fasnachtsdienstag das umtriebige Solothurn besucht. Geteert und gefedert zu werden, ist zwar eine nachhaltige, aber keine besonders hautverträgliche Fasnachtsverkleidung.

Apropos Grenchen: Was ist mit der altbewährten fasnächtlichen Feindschaft zwischen den beiden Städten geworden? Sie fehlt, obwohl so oft heraufbeschworen. Und obwohl so nötig. Gerade hier dürfte Solothurn noch ein bisschen schärfer austeilen. Und dann vielleicht auch einstecken . . .

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