Raketenalarm in Israel
CH-Media-Korrespondentin in Tel Aviv: «Alle Nachbarn drängen sich im Nachthemd in den kahlen Bunker»

Unsere Israel-Korrespondentin lebt in Tel Aviv – und flieht täglich aufs Neue vor den Hamas-Angriffen.

Judith Poppe, Tel Aviv
Judith Poppe, Tel Aviv
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Viele Bewohner von Tel Aviv haben die vergangenen Tage stundenlang in Schutzbunkern verbracht.

Viele Bewohner von Tel Aviv haben die vergangenen Tage stundenlang in Schutzbunkern verbracht.

AFP

Keine Minute, nachdem die erste Sirene um neun Uhr abends heult, sind die ersten Raketen am Himmel zu sehen. Mein Partner und ich sind mit unserer zweijährigen Tochter noch auf dem Weg in den Luftschutzbunker im Süden von Tel Aviv, als der Himmel voller Lichter ist. Die gelb leuchtenden Streifen erinnern mich an die «Star Wars»-Filme, Explosionen folgen, verursacht durch die Abfangraketen der «Eisernen Kuppel», des israelischen Raketenabwehrsystems. Dann, endlich, der Bunker. Am Eingang drängt sich ein Dutzend Menschen aufgeregt die Stufen hinunter.

«So schlimm war es noch nie», sagt eine Frau mit einem schlafenden Kind im Arm. Sie schnappt nach Luft und setzt sich unten angekommen neben uns auf eine der staubigen Bänke. Einige Familien sitzen bereits an die Wand gelehnt auf dreckigen Teppichen, ein kaputter Töggelikasten steht im Raum, ohne Ball.

Kurz darauf hört man den Abschuss neuer Raketen, es geht Schlag auf Schlag. Dass der an den Gazastreifen angrenzende Süden mit Raketen angegriffen wird, ist in Israel trauriger Alltag. Doch einen derartigen Raketenhagel auf Tel Aviv hat es noch nie gegeben. Mehr als 2000 Raketen wurden bis am Freitagabend auf Israel abgeschossen, mehr als 400 von ihnen auf Städte im Zentrum des Landes. Nicht alle konnten von der «Eisernen Kuppel» aufgefangen werden.

«Warum tun sie das?»

«Gaza ausradieren sollten sie», raunt ein Mann in unserem Tel Aviver Bunker. In Gaza, rund 60 Kilometer von Tel Aviv entfernt, sind bis zum Donnerstag 83 Menschen bei den Vergeltungsangriffen der israelischen Luftwaffe getötet worden, unter ihnen zahlreiche Kinder. Ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft, dessen Eltern aus dem Sudan nach Israel geflüchtet sind, zittert und weint. «Warum tun sie das?», fragt er immer wieder. «Wie in Afrika», wiederholt seine Mutter und hebt ihre Arme gen Himmel.

Unsere ganze Nachbarschaft drängt sich inzwischen in Shorts und Nachthemd in den kahlen Bunkerräumen. «Wie soll ich bloss morgen arbeiten», flüstert eine Frau ihrem Mann zu und zuckt zusammen, als von draussen wieder der Abschuss einer Rakete zu hören ist. Die meisten verfolgen die Nachrichten live auf ihrem Handy. «Das zeigt, dass man mit arabischen Parteien keine Regierungskoalition bilden kann», schimpft ein Mittdreissiger im Bunker und streicht seinem Hund über den Kopf.

Der Junge aus der Nachbarschaft fragt am nächsten Morgen seine Mutter: «Ist es jetzt vorbei?» Doch der Beschuss von Gaza auf Israel geht weiter. Die Nachricht geht um, Israel habe ein Waffenstillstandsangebot der Hamas abgelehnt. Viele vermuten, dass Israel vom aggressiven Vorgehen der Hamas überrascht worden sei. Jetzt gibt es einen enormen Druck aus der Gesellschaft, mit aller Deutlichkeit zu reagieren.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu jedenfalls warnt, dass die Operationen im Gazastreifen nicht so bald enden würden. «Das ist erst der Anfang», sagt er. Ein Sprecher der Hamas droht mit weiteren «Überraschungen». Und so könnte es sein, dass wir auch die kommenden Nächte wieder mit unseren Nachbarn in den staubigen Luftschutzbunkern verbringen werden. Und tatsächlich: Am Donnerstagnachmittag heulen in Tel Aviv die Sirenen wieder auf. Und wir, wir rennen wieder in den Bunker.