Dorers nächster Halt
Bus verpasst

Mir ist etwas vom Peinlichsten passiert, das einem Buschauffeur passieren kann. Es ist so peinlich, dass ich erst nach vier Monaten meine Kolumne darüber schreiben kann.

Christian Dorer
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Dorers nächster Halt

Dorers nächster Halt

Nordwestschweiz

In den 16 Jahren, seit ich Bus fahre, ist mir das noch nie passiert: Ich habe einen Dienst verpasst.

Ganz blöde Dinge passieren immer durch eine Verkettung blöder Dinge. So auch hier: Ich wurde im Mai ausnahmsweise an zwei Tagen statt wie üblich an einem Tag zum Fahren eingeteilt. Dann habe ich – der entscheidende Fehler! – den Dienstplan nicht gründlich angeschaut. Und so weilte ich just am zweiten Diensttag, am 25. Mai, für ein verlängertes Wochenende in der Toskana, auf einem abgelegenen Landgut ohne Handyempfang.

Am frühen Sonntagmorgen nahmen die Dinge ihren Lauf . . . Jeder Chauffeur loggt sich bei Arbeitsbeginn an einem Computer ein. Tut er das nicht rechtzeitig, dann erschallt in der Depothalle ein Horn, so wie einst in den Fabrikhallen Arbeitsbeginn und -ende signalisiert wurden. Hat der Chauffeur bloss das Einloggen vergessen, kann er den Alarm noch stoppen.

Ist er nicht hier, so klingelt das Handy des Pikettdienstes, und der muss Ersatz organisieren. Montag bis Freitag ist die Sache einfacher: Da ist bereits um 3.30 Uhr ein Chauffeur im Depot, der die Bordcomputer aller Busse startet, Ölstände kontrolliert, Druckluft nachfüllt. Dieser Chauffeur kann sofort losfahren, wenn jemand nicht erscheint. Am Wochenende jedoch ist niemand vor Ort – da wird der Pikettdienst zu Hause alarmiert.

So klingelt also am 25. Mai um 7 Uhr das Handy der Chauffeuse, die Pikettdienst hat. Sie versucht, mich zu erreichen – vergeblich. Dann kontaktiert sie ihren Chauffeur-Kollegen, der auch als Hauswart im Busdepot amtet. Er macht sich sofort auf, um den ersten Kurs zu fahren. Gleichzeitig organisiert der Pikettdienst eine weitere Chauffeuse, die für den Rest des Tages einspringen kann.

Ich geniesse derweil nichts ahnend einen Frühsommertag. Erst am Abend, zurück in der Zivilisation, erhalte ich die Meldung von drei Anrufen in Abwesenheit und einer Combox-Nachricht. Der Schreck ist unbeschreiblich, als ich sie abhöre.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Logisch, dass mein Malheur im Depot zum lustigen Pausengespräch wurde. Dass ein Chauffeur verschläft, kommt ab und zu vor. Dass aber einer gleich den ganzen Tag lang verschollen bleibt – an so etwas kann sich niemand erinnern.

Ich habe mich dann mit Pralinen bei den beiden Kolleginnen und dem Kollegen entschuldigt, die wegen mir aus dem Bett geläutet wurden. Immerhin bleibt die faszinierende Erkenntnis: In der Schweiz funktioniert der öffentliche Verkehr auch dann, wenn er nicht funktioniert.

Christian Dorer fährt in der Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.

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