Degen sticht
Der FC Aarau ist reif fürs Museum

Vor neun Monaten beendete David Degen seine Fussballer-Karriere. Jetzt schreibt er ab heute jeweils jeden zweiten Samstag eine Kolumne. In seiner ersten Kolumne schreibt er über den FC Aarau.

David Degen*
David Degen*
Drucken
Das altehrwürdige Aarauer Brügglifeld

Das altehrwürdige Aarauer Brügglifeld

Keystone

Der FC Aarau befindet sich nach lediglich drei Punkten aus den vergangenen zehn Spielen auf dem letzten Tabellenplatz – notabene dem Abstiegsplatz.

Doch nicht nur sportlich gilt Alarmstufe Rot: Das Klub-Management entspricht nicht mehr den Anforderungen, die an einen Super-League-Klub gestellt werden. Es stellt sich die Frage nach dem Huhn oder dem Ei, die Wechselwirkung der beiden Problemherde steht ausser Frage.

Der Reihe nach: Als ich vor rund 16 Jahren als Nachwuchsspieler vom FC Basel bei den damals Unabsteigbaren meine ersten Gehversuche auf Super-League-Ebene wagen durfte, herrschten infrastrukturell und strukturell in etwa die gleichen Zustände wie heute.

Dem FCA fehlt eine fussballverrückte Identifikationsfigur, die als Lokomotive fungiert. Und das dringendst benötigte neue Stadion wird durch einen Einsprecher verhindert.

Der aufmüpfige Widersacher könnte dereinst als Totengräber des Traditionsklubs, der Generationen einer ganzen Region zusammengeschweisst und Emotionen ermöglicht hat, in die Annalen eingehen. Kurz: Der FCA ist reif fürs Museum.

Die Nervosität im Umfeld – der Verwaltungsrat droht immer wieder mit kollektivem Rücktritt – ist Gift für das Team von Sven Christ.

Dieses braucht im Abstiegskampf vor allem eines: Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. In diesem Umfeld kein einfaches Vorhaben, obwohl Aarau durchaus eine konkurrenzfähige Mannschaft hat.

Christ kenne ich als zuverlässigen Abwehrhaudegen. In Aarau hört man, dass er als Trainer seiner Philosophie nicht immer treu geblieben ist. Zu Beginn der Saison liess er konstruktiven Fussball spielen. Später nur noch Kick and Rush. Ausserdem büsste er einiges von seiner Souveränität ein, die er im ersten Saison-Viertel noch ausgestrahlt hat.

Dazu ein Beispiel: Ich will nicht über die abschätzigen Gesten meines Kumpels Daniel Gygax urteilen. Was aber nicht geht, ist die trotzige Reaktion von Christ. Ein solches Verhalten ist für eine Führungskraft schlicht nicht opportun. Christ hätte nie im Leben auf Gygax’ Geste reagieren dürfen. Er hätte sie scheinbar uninteressiert zur Kenntnis nehmen und später in einem persönlichen Gespräch mit dem Spieler Klartext reden sollen.

Es sind schlechte Voraussetzungen, wenn sich zwischen Trainer und Mannschaft Gräben auftun – zuletzt geschehen in der vergangenen Saison beim FC Basel.

Ein Coach im heutigen, kompetitiven Umfeld muss in erster Linie beobachten, führen und kommunizieren können sowie in der Klubleitung Sparring-Partner um sich haben, die in ihm eine Selbstreflexion auslösen. Deshalb ist für mich klar, dass Christ das Saisonende nicht als Aarau-Trainer erleben wird.

Das Interview mit David Degen lesen Sie hier

*David Degen (32) ist ehemaliger Fussballprofi. Ab heute erscheint hier alle zwei Wochen seine Kolumne.

Aktuelle Nachrichten