Art Basel
Der Kunst-Tsunami

Sie habe noch nie einen solchen Tsunami erlebt, sagte Sarah Watson, Direktorin der renommierten Galerie Sprüth Magers, nach dem ersten Messetag der Art Basel. Eine Analyse zur Art Basel und zu den Gründen für das Kunstfieber.

Sabine Altorfer
Sabine Altorfer
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Die Art Basel ist eröffnet. Hier mit einem Werk aus der Galerie König, Berlin: Jeppe Hein, «Parallel Mirrors», 2015.

Die Art Basel ist eröffnet. Hier mit einem Werk aus der Galerie König, Berlin: Jeppe Hein, «Parallel Mirrors», 2015.

Roland Schmid

Und Sarah Watson, Direktorin der renommierten Galerie Sprüth Magers, meinte dies nicht als Katastrophenmeldung. Im Gegenteil. Enthusiastisch beschrieb sie mit diesem Bild, wie die Käufer von den ersten Minuten an die Kojen der Händler geflutet und eingekauft haben. Vom besten Start-Tag seit mindestens zehn Jahren sprach ein New Yorker Händler.

Verkaufsstatistiken gibt es keine an der Art Basel, aber Gerüchte und manchmal Bestätigungen für (Millionen-)Verkäufe: Thomas Schüttes «Grosser Geist» verkaufte Skarstedt für 5 Millionen, Hauser & Wirth mehrere Skulpturen von Louise Bourgeois für zirka 2 Millionen Dollar, eine «Helena» von Marlene Dumas hat 3,2 Millionen gebracht und Pace meldete dass acht Werke von Robert Rauschenberg für je 450 000 bis 1 Million Dollar weggingen.

Die Liste mit den verkauften Werken der ersten Messetage, wenn die VIPs rein in die Art und ran an die Kunst dürfen, ist nur die kleine Spitze des Eisbergs. Die Meldungen erfolgen freiwillig, ohne Gewähr – und selbstverständlich bleiben die Käufer anonym. Gutes Futter für die Medien und Klatschportale sind sie allemal. Und gibt es ein besseres Instrument, um das Messegeschäft weiter anzukurbeln, als die Botschaft: Wer noch was kaufen will, muss sich sputen, bald ist unsere Koje leer?

Das Kunstfieber erfasst an der Art Tausende von Sammlern

Wer bei den VIP-Previews dabei war, spürte das Fieber, das die Tausenden von reichen Sammlern aus Europa und den USA und die Hunderten aus Asien und Südamerika erfasst hatte. Es war ansteckend: Man stellte sich vor, wie es wäre, wenn ... Nun aber, wieder mit kühlem Kopf, lässt sich nach den Ursachen für diesen Käufer-Tsunami und den Erfolg der Art Basel fragen.

Kunst kaufen ist in. Und viele Leute haben (zu) viel Geld. Einfacher – und schlüssiger – lässt sich der boomende Kunstmarkt nicht erklären. Angeheizt wird er vom Wissen, dass (gute) Werke von grossen Namen wie Picasso, Pollock, Haring oder Beuys immer rarer werden. Wer noch nicht hat, muss dringendst – und dann kommts eben auf eine Null mehr oder weniger nicht drauf an. Vor allem wenn einem die sich rasant nach oben drehende Preisspirale Gewinn verspricht. Und Renommee dazu. Denn Sammler, gar Kenner zu sein, ist chic.

Und besonders chic ist es, sich nicht nur bei den Koryphäen des 20. Jahrhunderts auszukennen, sondern auch bei der aktuellen Kunst. Die Preise für zeitgenössische Künstler schnellen dann hoch, wenn ihre Werke in wichtigen Museen oder an der prestigeträchtigen Biennale gezeigt, bestätigt und somit veredelt wurden. «Viele Sammler kaufen heute mit den Ohren, nicht mit den Augen», sagte uns ein Kenner vor der Messe. Warum ein Gemälde 600 000, ein vergleichbares Werk aber nur 20 000 Dollar kostet und andere hervorragende Kunst gar nie an der Art Basel landet, lässt sich nur mit der Kotierung der Künstler erklären. Das hat mit künstlerischer Qualität wenig, dafür viel mit Marktmechanismen zu tun.

Künstler aufzubauen, ist für Galerien Risiko-Investment

Den Markt und die Kotierung spuren die Galeristen vor. Sie wählen die Künstler aus, verheissen Entdeckungen und portieren sie. Nicht immer geht das Risiko-Investment auf. Manche Jung-Galerien müssen die Segel wieder streichen und auch renommierte Galerien schreiben Künstler ohne (Preis-)Entwicklung schnell wieder ab.

Ob und wie sich der Markt, wie sich die Art Basel weiterentwickeln, vermag niemand vorauszusagen. Wie werden sich der boomende Online-Handel, wie die immer aggressivere Taktik der Auktionshäuser oder die unsichere wirtschaftliche und politische Entwicklung auswirken? Darüber mag in diesen Tagen an der Art Basel niemand diskutieren. Lieber redet man im offiziellen Talk über die Entwicklung von Afrika zu einem Kunst-Kontinent.

Optimismus herrscht. Begründet wird er mit der Tatsache, dass sich die Preisspirale der Kunst und die Erfolgsspirale der Art Basel seit ihrer Gründung vor 45 Jahren stets aufwärts gedreht haben – von Krisen nur kurzfristig gestoppt. Da kann man für die Messe und die Galerien nur hoffen, dass sich die Galeristin beim Bild des Tsunami getäuscht hat. Denn nach einer solchen Flutwelle folgt jeweils nicht die nächste Erfolgswelle, sondern eine unheimliche Leere.

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