Café Fédéral
Des Journalisten Freud im Wahljahr

Nie sind Politiker für Journalisten so gut zugängig wie im Wahljahr. Wenn sie um ihre Abwahl fürchten, werden auch eher schweigsame Volksvertreter plötzlich redselig.

Lorenz Honegger
Lorenz Honegger
Drucken
Teilen
Im Wahljahr sind Journalisten im Bundeshaus besonders gern gesehene Gäste. (Archiv)

Im Wahljahr sind Journalisten im Bundeshaus besonders gern gesehene Gäste. (Archiv)

Keystone

Parlamentarier haben es schön. Sie werden mit «Herr Nationalrat» oder «Frau Ständerätin» angesprochen, kassieren Sitzungsgelder und Spesen, dürfen Gesetze ändern, sich von Unternehmen und Verbänden bei üppigen Nachtessen hofieren lassen und ihre Meinung über die Medien hunderttausendfach weiterverbreiten. Wem würde das nicht gefallen?

Doch es gibt auch Schattenseiten. Zum Beispiel in diesem Jahr, wenn Parlamentarier von links bis rechts um ihre Wiederwahl bangen müssen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich am Wahltag vor vier Jahren im Zürcher Fernsehstudio neben einer Nationalrätin stand, die während Stunden unentwegt auf einen Computerbildschirm starrte. Die Resultate kamen nur langsam rein und verhiessen nichts Gutes. Am Ende reichte es ihr hauchdünn für die Wiederwahl. Andere hatten weniger Glück. Der grüne Nationalrat Jo Lang etwa, bis dahin ein national bekannter Politiker, wurde von den Zuger Wählern von dannen geschickt – ohne Kündigungsfrist, ohne Erklärung.

Nicht weiter erstaunlich also, dass Parlamentarierinnen und Parlamentarier für uns Bundeshausjournalisten selten besser verfügbar sind, als wenn sie sich vor der Abwahl fürchten. Parteipräsidenten, die im Normalfall mürrisch die Auskunft verweigern, äussern sich zurzeit bereitwillig zu jedem Thema. National- und Ständeräte bieten einem unaufgefordert ihre Vorstösse an und geben nebenher Zigtausende Franken für Wahlwerbung aus. Im Wahljahr ist des Politikers Leid des Journalisten Freud.

lorenz.honegger@azmedien.ch

Aktuelle Nachrichten