Kommentar
Die Schweiz sucht ihre Supermüllhalde

Wie bei einer Casting-Show zählen auch bei der Suche nach einem atomaren Endlager nicht nur harte Fakten – sondern auch emotionale. Wie die Akzeptanz der Atomenergie in der Bevölkerung. Das bringt den Aargau in die Favoritenrolle.

Gieri Cavelty
Gieri Cavelty
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Wohin mit dem Atommüll? Die Frage ist noch nicht entschieden - oder?

Wohin mit dem Atommüll? Die Frage ist noch nicht entschieden - oder?

Keystone

Gewiss: Die Suche nach einem Atomendlager ist das genaue Gegenteil einer Casting-Show. Denn natürlich möchte keine Region auserkoren werden, bis ans Ende unserer Tage Atommüll zu beherbergen.

Allerdings ist auch eine Anti-Casting-Show eine Show. Sorgsam inszeniert, mit Glitter und Spezialeffekten. Es gibt tonnenweise Hochglanzprospekte, unzählige Informationsabende in den potenziell betroffenen Gebieten und auffällig oft die Beteuerung: Alles verlaufe fair, nur die Sicherheit zähle.

In der Tat bewertet die Nagra die möglichen Standorte seit langem schon unterschiedlich. Der Wellenberg etwa gilt als «geeignet» für ein Endlager, andere Gebiete dagegen als «sehr geeignet». In diesem Sinne wäre es nur richtig, wenn die bloss für «geeignet» befundenen Standorte endlich nicht mehr weiter verfolgt werden.

Damit nimmt die Suche nach der Supermüllkippe nun aber endgültig den Charakter einer süffigen Show an: Weiche Faktoren – Emotionen und Psychologie – zählen so viel wie jedes Gestein.

Selbstverständlich steht diese Dramaturgie seit Beginn des Verfahrens vor sieben Jahren fest. Damals erklärte mir ein hochgestellter Mitarbeiter im Bundesamt für Energie in einem Anflug von Leutseligkeit: Am Ende werde der Müll im Aargau landen.

Als Standortkanton gleich dreier AKW werde die Aargauer Bevölkerung am ehesten Verständnis fürs Entsorgungsproblem haben.

Kurz darauf rief mich der Beamte abermals an, sprach von einem Missverständnis. Natürlich verlaufe alles fair, nur die Sicherheit zähle. Der Mann hatte in der Zwischenzeit offenbar noch einmal die Grundregel der Regiekunst studiert: Eine Show ohne Illusion und Spannung ist alles – nur keine wirkungsvolle Show.

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