IS-Vormarsch
Es braucht ein beherztes Engagement der Schweiz

In mehreren Städten der Schweiz haben diese Woche friedliche Demonstrationen stattgefunden. Die Kurden haben sich in der Schweiz in den letzten 15 Jahren auf spektakuläre Weise integriert. Deshalb darf die Schweiz die Kurden nicht alleine lassen.

Gieri Cavelty
Gieri Cavelty
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Kurden beobachten von weitem, wie ihre Heimatstadt Kobane von den IS-Gruppe bekämpft wird.

Kurden beobachten von weitem, wie ihre Heimatstadt Kobane von den IS-Gruppe bekämpft wird.

Keystone

Der realpolitische Zynismus ist schier unerträglich: Die Rettung der mehrheitlich von Kurden bevölkerten Kleinstadt Kobane sei kein strategisches Ziel, liess ein amerikanischer Militärsprecher diese Woche verlauten. Den USA gehe es beim Kampf gegen die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) ums grosse Ganze. Linke Kritiker übersetzen dies mit: Es geht um die Interessen amerikanischer Ölfirmen. Jedenfalls mag man sich da nicht um jede syrische Ortschaft kümmern, kann man nicht buchstäblich den Kopf jedes einzelnen Kurden retten. Und doch: Ohne die US-Luftschläge gegen IS-Stellungen wäre Kobane schon längst gefallen. Washington praktiziert eine Politik, wie Bill Clinton als Jugendlicher Marihuana konsumiert haben will: Man raucht zwar, inhaliert aber nicht.

In einem noch verwirrlicheren Nebel der Interessen, Taktik und Ängste bewegt sich die Türkei – respektive sie bewegt sich eben nicht und lässt die IS-Schlächter ungehindert gegen das nahe der türkischen Grenze gelegene Kobane anstürmen. In seiner Zeit als Premierminister hat der heutige Staatspräsident Recep Erdogan das Verhältnis zu den Kurden über die Jahre allmählich entkrampft. Ein Freund der Kurden ist er deswegen keineswegs. Vielmehr unterstützt er den IS in dessen Kampf gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Gleichzeitig muss Erdogan mit IS-Terror im eigenen Land rechnen, sollte er sich jetzt jäh gegen die Dschihadisten stellen. Lieber bringt Erdogan mit seiner unterlassenen Hilfe für Kobane die Kurden weltweit gegen sich auf.

Die Kurden haben sich auf spektakuläre Weise integriert

Die Schweiz fokussiert in diesem Drama auf Nothilfe. Seit 2011 hat sie über 50 Millionen Franken für Hilfe in Syrien ausgegeben, aktuell sind eine Handvoll Spezialisten zur Unterstützung der Uno-Organisationen vor Ort. Das klingt nach humanitärem Pflichtprogramm. Angezeigt wäre ein beherzteres Engagement: die grosszügige Aufnahme eines Flüchtlingskontingents zum Beispiel oder wenigstens eine dezidierte öffentliche Stellungnahme eines Bundesrates. Dies wäre darum ein wichtiges Zeichen, weil sich die Kurden in der Schweiz in den letzten 15 Jahren auf nachgerade spektakuläre Weise integriert haben. Namentlich in Basel - einem Zentrum alevitischer Kurden in Westeuropa - gehören die Kinder der oft aus armen Gegenden stammenden Einwanderer heute zur Bildungselite. In der Wirtschaftsfakultät der Uni Basel etwa tummeln sich die Secondos. Das Aushängeschild der Schweizer Kurden ist die 36-jährige Edibe Gölgeli. Die Betriebswirtin präsidiert die Schweizerisch-Kurdische Gemeinschaft und politisiert für die SP im Basler Bürgergemeinderat: Sozialdemokratisches Herzblut gepaart mit betriebsökonomischem Sachverstand entspricht einer Mischung, die man selten genug antrifft. Im Basler Grossen Rat sitzt derweil ein halbes Dutzend Parlamentarier mit kurdischem Hintergrund.

Gefährlich sind Islamisten mit astreinem Schweizer Stammbaum

Mit geradezu schweizerischer Zurückhaltung bekunden die Kurden derzeit denn auch ihre Solidarität für die Opfer des IS. In mehreren Städten haben diese Woche Demonstrationen stattgefunden, die äusserste Unannehmlichkeit für Unbeteiligte bildete am Dienstag eine Störung des Tramverkehrs in Basel und Zürich. Als sich die Kurden das letzte Mal in die Enge getrieben sahen, präsentierte sich Protest noch ganz anders: Im Nachgang zur Verhaftung des Chefs der Kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, kam es in den ersten Monaten des Jahres 1999 zu Besetzungen und Gewalttaten. In Bern stürmten Kurden die Büros der FDP und nahmen Geiseln, in Basel warfen Aktivisten Molotow-Cocktails in ein Geschäft, in Genf wurde das Gebäude des Weltkirchenrats besetzt. Der Bundesrat postierte Truppen vor zahlreichen Liegenschaften und baute den Inlandnachrichtendienst aus. Was die Staatsschützer in den folgenden Jahren dann allerdings in ihren Fichen dokumentieren durften – und mit Hingabe auch dokumentierten –, war eben jene bemerkenswerte Integrationsleistung der jüngeren Kurdengeneration.

Pointiert formuliert, zeigt sich zumindest in der Deutschschweiz heute dieses Bild: Als integriert gelten die muslimischen Migranten, wegen ihrer Desintegration von sich Reden machen indes die Islamisten rund um den Islamischen Zentralrat, allesamt Konvertiten mit astreinem helvetischen Stammbaum.

Natürlich bringt der Vormarsch des «Islamischen Staates» die Schweizer Kurden in Wallung. In Deutschland sind dieser Tage Kurden und Salafisten blutig aneinandergeraten. Zugleich ist es um das Verhältnis zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen Minderheit so schlecht bestellt wie lange nicht mehr. Auch diese Konfliktlinie kann sich unter Umständen wieder im Ausland fortsetzen. Vor diesem Hintergrund tun mehr Anteilnahme und ein grosszügigeres Engagement der offiziellen Schweiz zugunsten der Kurden Not. Es geht darum, dass der Integrationserfolg nicht auf Spiel gesetzt wird und nicht plötzlich die eigentlich überwundenen Geister von anno 1999 zurückkehren. Es geht darum, dass besonnene Leute wie Edibe Gölgeli das unbestrittene Gesicht der hiesigen kurdischen Bewegung bleiben. Und natürlich und vor allem geht es darum, dass die Schweiz die kurdischen Mitmenschen angesichts des Grauens ins Syrien nicht allein lässt.

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