Analyse
Europas Krise ist für Afrikaner und ihre Probleme sehr weit weg

Der Flüchtlingsstrom stellt für Europa eine der grössten Herausforderungen der heutigen Zeit dar. Dabei bleibt die Krise in Afrika unbeachtet, für das Flüchtlinge nur eines von vielen Problemen sind.

Markus Schönherr
Markus Schönherr
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Die deutsche Kanzlerin Merkel und ihr Team nach dem EU-Gipfel: Noch ist unklar, wie viel Geld die EU der Türkei zu Betreuung syrischer Flüchtlinge zur Verfügung stellen wird.

Die deutsche Kanzlerin Merkel und ihr Team nach dem EU-Gipfel: Noch ist unklar, wie viel Geld die EU der Türkei zu Betreuung syrischer Flüchtlinge zur Verfügung stellen wird.

KEYSTONE/AP/MARTIN MEISSNER

Stell dir vor, es ist Krise, aber keiner redet darüber. Während der Flüchtlingsstrom Europa vor eine der grössten Herausforderungen ihrer Geschichte stellt, einen Kulturraum nachhaltig verändern könnte, den Westen in eine ungewisse Zukunft führt und vor allem polarisiert, bleibt die Krise in Afrika selbst unbeachtet.

Ein politischer Diskurs wie in Europa fehlt. Auch Afrikas Medien berichten kaum über die 800 000 Flüchtlinge, die allein dieses Jahr das europäische Festland erreichten. Dabei stammt von hier ein Grossteil der Ankömmlinge. Gleichgültig ist die Krise den Afrikanern keineswegs. Doch es ist nur eine von vielen Krisen.

«Südafrika hat kein Problem mit Flüchtlingen, denn wir verstehen ihre Motive. Ich denke, Deutschland hat dieselbe Führungsrolle in Europa übernommen.» Solch lobende Worte fand Südafrikas Präsident Jacob Zuma diese Woche für die deutsche Kanzlerin Merkel.

Beim Spitzentreffen zwischen afrikanischen und EU-Politikern auf Malta pries er die solidarische Asylpolitik Deutschlands an. Demnach sollte die Massenaufnahme von Flüchtlingen eigentlich selbstverständlich sein – zumindest nach Zumas Weltbild. Denn: «Der Westen hat die Krise verursacht. Der Westen muss sie auch lösen.» Mit dieser Aussage sorgte Südafrikas Staatschef im September für einen Fauxpas.

In einem Saal voll mit Botschaftern aus aller Welt wich Zuma von seinem Redetext ab. Seine Berater und Pressesprecher brachte er zum Schaudern, als er Europa die alleinige Schuld für die gegenwärtige Flüchtlingskrise zuschob.

Südafrika hat sein eigenes Flüchtlingsproblem

Zumas Anschuldigungen führten zu einem kurzen diplomatischen Husten. Südafrikas Medien schenkten seiner These jedoch keine weitere Beachtung – so wie der europäischen Flüchtlingskrise generell.

Das Bild des vierjährigen Jungen Alan Kurdi, der tot an die türkische Küste gespült worden war, sorgte im Kapstaat ebenfalls für Schlagzeilen. Doch ebenso schnell war der junge Syrer wieder vergessen. Seit Jahren schon plagt Südafrika jedoch sein eigenes Flüchtlingsproblem.

Simbabwer, Somalier, Pakistani und viele mehr bitten hier jedes Jahr um Asyl. 2008 war es zu heftigen Ausschreitungen gegen Ausländer gekommen. Innerhalb weniger Wochen massakrierten frustrierte Slum-Bewohner mehr als 63 Immigranten. Dieses Jahr flammte der Konflikt neu auf. Europas Krise schien dabei weiter entfernt denn je.

Aber auch in anderen Ländern des Kontinents zieht die europäische Flüchtlingskrise unbeachtet vorüber. Dürren, Bürgerkriege, Islamisten, Despoten, steigende Lebensmittelpreise, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit – an Problemen mangelt es in Afrika nicht.

Da scheinen die – vergleichsweise – wenigen, die vor den Problemen flüchten, ein eher belangloses Thema. Für Afrikas Journalisten ist es ausserdem schwieriger an Quellen heranzukommen. In vielen Redaktionen fehlt es an Fachpersonal, das die Ursachen der Migration kritisch hinterfragt. Und in einer entscheidenden Zahl afrikanischer Länder mangelt es schlicht an Pressefreiheit.

Europa kann und darf keine Diktaturen subventionieren

Auf Malta schien die Lösung für afrikanische Staaten eindeutig: mehr Geld. «Was die Europäer machen, deckt nicht alle Erfordernisse ab. Diese sind enorm», meinte Nigers Präsident Mahamadou Issoufou. Auch Sudan und Senegal wollen mehr Geld, um den Flüchtlingsstrom nach Europa besser kontrollieren zu können. Die EU stellen die Forderungen Afrikas jedoch vor ein moralisches Dilemma: Europa kann und darf keine Diktaturen subventionieren.

Zu Recht appellierte die eritreische Menschenrechtsexpertin Elizabeth Chyrum vor dem Gipfel an die EU, ihrem Herkunftsland keine weiteren Mittel zur Verfügung zu stellen.

Die Eritreer flüchten vor Zwangsarbeit, Folter und der berüchtigten Geheimpolizei. Dasselbe gilt für Sudan, Gambia, Burundi, Ruanda und andere Staaten. Die Zusammenarbeit mit ihren Regierungen ist nicht fruchtvoll, denn diese sind das eigentliche Problem.

Auch Grenzschutzkooperationen mit diesen Staaten sind keine Lösung, da sie die eiserne Faust der Diktatoren noch grösser werden lassen.

Europa steht vor einem diplomatischen, entwicklungspolitischen und wirtschaftlichen Drahtseilakt: Es gilt das Leben vor Ort zu verbessern, ohne dabei Diktatoren in die Hand zu spielen. Will sich die Afrikanische Union (AU) als verantwortungsvoller Partner beweisen, muss sie aus ihrem Dornröschenschlaf aufwachen und gegen ihre hauseigenen Despoten vorgehen. Nur dann kann nachhaltige Entwicklung stattfinden.

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