Kommentar
Die Blockchain bringt zurück, was der digitalen Kunst verloren ging: Einzigartigkeit und Verknappung

Der deutsche Philosoph Walter Benjamin machte sich schon 1935 Sorgen, weil die «elektronische Reproduzierbarkeit» eines Kunstwerks dessen «Aura» vernichte. Mit Hilfe der Blockchain lässt sich diese «Aura» wieder retten.

Miriam Meckel
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Das Werk «Everydays: The first 5000 days» des Künstlers Beeple wurde für 69 Millionen Dollar verkauft.

Das Werk «Everydays: The first 5000 days» des Künstlers Beeple wurde für 69 Millionen Dollar verkauft.

Keystone

Nichts war alltäglich, als der Künstler Beeple öffentlichkeitswirksam sein Werk «Everydays: The first 5000 days» bei einer Auktion von Christie’s für 69 Millionen Dollar verkaufte. Die Aktion war keine Hommage an die Vergangenheit, sie war eine Wette auf die Zukunft. Sie betraf nicht ein traditionelles Kunstwerk, sondern ein NFT, ein Non-Fungible Token. Es war auch eine Wette gegen die etablierten Gesetze des Marktes.

Zur Person

Miriam Meckel
© Urs Bucher/Tagblatt

Miriam Meckel

Professorin für Corporate Communication und Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

Ein Non-Fungible Token ist eine digitalisierte Wertmarke, die ein zertifiziertes Original repräsentiert. Alles, was digital ist, lässt sich in ein NFT verwandeln: Fotos, GIFs, Videos, ein Bild meines Gehirns im MRT, während ich diese Kolumne schreibe. Solche digitalen Objekte lassen sich unendlich kopieren, nicht aber das NFT, denn es wird auf der Blockchain registriert. Damit ist es einzigartig und untauschbar.

«Elektronische Reproduzierbarkeit» vernichtet Einmaligkeit eines Werks

Das NFT eines Kunstwerks spiegelt, was der deutsche Philosoph Walter Benjamin einst «Aura» nannte und als «Unnahbarkeit», «Echtheit» und «Einmaligkeit» beschrieb. Um diese «Aura» hat Benjamin sich schon 1935 Sorgen gemacht, weil die «elektronische Reproduzierbarkeit» eines Kunstwerks sie vernichte. Mit Hilfe der Blockchain lässt sich diese «Aura» wieder retten. Für die digitale Kunst eröffnet das einen ganz neuen Resonanzraum im Markt. Plötzlich bekommt sie zurück, was im Digitalen verloren gegangen war: Einzigartigkeit und Verknappung. Aus ihnen entsteht auch materieller Wert. Ein Sammler zahlt keine Unsummen für den Abzug eines Picassos, das Original erzielt dagegen knapp 30 Millionen.

So hat sich Beeple zumindest bei denen Respekt verdient, die 69 Millionen Dollar grundsätzlich als Erfolg sehen. Viele andere sehen in NFTs nur die nächste Blase oder sogar den nächsten Beschiss im digitalen Kapitalismus. Das ist zu schnell gesprungen.

NFTs rütteln an den Gegebenheiten der Märkte

NFTs öffnen einen elitären Markt für Akteure, die dort bislang keinen Zugang und keine Chance hatten, und ihre Einsatzmöglichkeiten reichen weit über die Kunst hinaus. Jeder, der etwas Digitales produziert, kann davon ein NFT herstellen und verkaufen. Dafür braucht man nicht mal eine traditionelle Plattform, wie Beeple sie mit Christie’s genutzt hat. Es gibt genügend Marktplätze, auf denen NFTs gehandelt werden können. Nicht jeder Verkauf bringt Millionensummen, aber jeder kann ein NFT produzieren und Millionen anderen zum Kauf anbieten. Wenn ein Tweet von Twitter-Gründer und CEO, Jack Dorsey, knapp drei Millionen Dollar einspielt, kann man entsetzt den Kopf schütteln – oder die Energie zum Nachdenken nutzen.

NFTs rütteln nämlich, ganz im Sinne der kreativen Zerstörung, an ein paar Gegebenheiten der Märkte. Da ist das Eigentum, das Vordenker, wie Jeremy Rifkin, schon für immer in den Geschichtsbüchern ablegen und durch «Zugang» (Access) ersetzen wollten. Fakt ist: Menschen mögen es nicht immer, wenn Besitz sich im Digitalen verflüchtigt. Eigentumsrechte an materiellen Werten gehören in unserer Wirtschaft noch immer zum wirtschaftlichen Erfolg. Als symbolischer Wert zahlen sie auf das soziale Kapital eines Menschen ein. NFTs installieren Besitz und Eigentum nun auch im digitalen Source Code unserer Gesellschaft.

Über die einzigartige, dezentrale und unveränderbare Registrierung auf der Blockchain durchkreuzen NFTs auch die institutionellen Mechanismen des Marktes. Vertrauen entsteht nicht durch die garantierende Institution, sondern eben dadurch, dass keine solche am Prozess beteiligt ist. Weil NFTs sich fraktionieren lassen, öffnen sie neue Möglichkeiten für gemeinschaftlichen Besitz und Crowdfinanzierung.

Inzwischen ist das Geschrei schon wieder gross, so vieles kann bei diesen NFTs doch schief­laufen. Das mag sein. Aber erst mal sollten wir, ganz im Sinne der kreativen Zerstörung, in der Alltagserfahrung prüfen, was wirklich geht. Von den ersten 5000 Tagen der NFT-Zeit sind ja gerade mal ein paar rum.

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