Kommentar
Mit 50 Prozent Arbeitspensum macht niemand Karriere

Männer arbeiten 80 Prozent, Frauen 50. So sehen viele Schweizerinnen gemäss einer Umfrage der «Annabelle» die ideale Rollenverteilung in der Familie. Nun, wirklich progressiv ist das nicht.

Stefan Schmid
Stefan Schmid
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Wer kümmert sich um die Kinder? Am Ende doch vor allem die Mutter?

Wer kümmert sich um die Kinder? Am Ende doch vor allem die Mutter?

Gaetan Bally / Keystone

Viele Deutschschweizer Frauen wünschen, ihre Männer würden das Arbeitspensum auf 80 Prozent reduzieren. Das zeigt eine diese Woche publizierte Studie im Auftrag des Magazins «Annabelle».

Der Wunsch ist verständlich. Neun von zehn Männern arbeiten hierzulande Vollzeit, als wäre die Gleichstellungsdebatte komplett an ihnen vorbeigegangen.

Das hat auch mit Strukturen zu tun: Arbeitgeber, die keine Teilzeitjobs anbieten, zu teure Krippenplätze. Wichtiger aber dürfte eine gesellschaftliche Norm sein:

Männer bringen das Geld nach Hause. Frauen schauen mehrheitlich zu den Kindern.

So haben das nach wie vor viele verinnerlicht. In derselben Studie geben nämlich auffallend viele Frauen an, selber nur 50 Prozent arbeiten zu wollen, sobald sie Kinder haben.

Das lässt aufhorchen. 50 Prozent? Damit können sich die wenigsten Frauen selber finanzieren – geschweige denn Karriere machen.

Auch hier spielen Strukturen oder falsche Steueranreize eine Rolle. Und gewiss verharren einige Frauen auch deshalb in kleinen Pensen, weil ihre Männer zu Hause zu wenig Verantwortung übernehmen.

Doch der Wunsch vieler Schweizerinnen, selber höchstens 50 Prozent zu arbeiten, zeigt primär, in welcher Wohlstandsgesellschaft wir leben. In weniger reichen Ländern stellt sich diese Teilzeitfrage nicht. Vor allem aber ist diese Einstellung Ausdruck davon, wie verbreitet traditionelle Rollenvorstellungen weiterhin sind. Finanzielle Unabhängigkeit ist offensichtlich noch kein Wert, den es anzustreben gilt.

Unweigerliche Folge dieser Einstellung: In Führungspositionen in der Privatwirtschaft sind Frauen rar. Und wenn so viele Schweizerinnen nur 50 Prozent arbeiten wollen, dann wird sich daran auch so rasch nichts ändern. Teilzeitarbeit in Kaderstellen ist zwar immer häufiger möglich, aber kaum mit Pensen unter 60 Prozent.

So wünschenswert mehr Frauen in Führungspositionen sind: Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es ein Umdenken beider Geschlechter. Es sind nicht immer die anderen schuld, wenn man selber keine Karriere machen kann. Frauenförderung scheitert in der Praxis mitunter auch daran, dass zu wenig Frauen zur Verfügung stehen. Es bleibt kompliziert mit dieser Gleichstellung.