De Schepper
Muslime und Schweizer Gasöfen

«Wir sind das Volk!», skandieren die Pegida-Demonstranten, und mehr als 15'000 aufgebrachte Bürger marschieren durch die Dresdner Innenstadt. Genau vor 25 Jahren riefen schon mal Tausende: «Wir sind das Volk!» Mit einigen Unterschieden, freilich.

Werner De Schepper
Werner De Schepper
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Pegida-Demonstration am 15. Dezember 2014 in Dresden.

Pegida-Demonstration am 15. Dezember 2014 in Dresden.

Keystone

Dieser Ruf stand vor 25 Jahren für die Forderung nach demokratischer Teilnahme aller Gruppierungen und Menschen an den Geschicken des Landes und gegen den systematischen Ausschluss des Volkes durch die herrschende Nomenklatura.

Heute, 25 Jahre später, ist es ein Ruf nach Abschottung, nach Ausschluss von Menschen und Gruppierungen aus der Gesellschaft. Die Organisation, die die Vertreibungsdemonstrationen organisiert, nennt sich «Pegida». Das Unwort steht für «Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes». Unverhohlen hetzen sie gegen die Anwesenheit von Muslimen in Deutschland. Paradoxerweise gärt die Bewegung besonders stark in Sachsen, wo gerade mal 2,5 Prozent Ausländer wohnen und lediglich 0,1 Prozent Muslime sind.

Nun hetzen sie wieder, und ganz Deutschland reibt sich die Augen. Und wie in der Schweiz nach dem 9. Februar versuchen viele Medien und Politiker, zuerst einmal den Aufstand des «einfachen Bürgers» zu verstehen, suchen nach objektiven Erklärungen. Was bei 0,1 Prozent Muslimen in Ostdeutschland nicht ganz einfach ist.

Was auffällt: Bundeskanzlerin Angela Merkel verliert wegen der «Wir sind das Volk»-Parolen in Dresden nicht ihren Kompass, sie säuselt nicht beschwichtigend rum und wartet mit ihrem Kommentar nicht feige zu, bis alle anderen geredet haben, sondern erklärt noch am selben Demo-Montag, was sie von diesen Märschen hält, nämlich gar nichts. «In Deutschland ist kein Platz für Hetze und Verleumdung von Ausländern und Flüchtlingen», sagt sie. Und statt Verständnis zu zeigen, warnt sie die Demonstranten: «Deshalb muss jeder sehr aufpassen, dass er nicht von den Initiatoren instrumentalisiert wird.»

So und nicht anders muss man auf Muslimenhetze reagieren. Ohne Wenn und Aber. Auch in der Schweiz. Auch bei uns gibt es «Pegida»-Gläubige, primitive Muslimhasser. Hetzer, die den Koran, die Imame und die Muslime bewusst grobschlächtig so blutig darstellen wie früher in Nazi-Deutschland «Der Stürmer» die Thora, die Rabbiner und die Juden.

Auch bei uns in der Schweiz melden sich die Brandstifter des Hasses zu Wort und scheuen nicht mal mehr das menschenverachtende Wörterbuch des Nationalsozialismus: Nach einem Anschlag auf ein muslimisches Kulturzentrum in Flums stand auf «Blick Online» wortwörtlich während mehr als 24 Stunden folgender anonymer Kommentar: «Man sollte das Gas und die Öfen wieder in Betrieb nehmen und sie sauber entsorgen.»

Ein Einzelfall? Fehlanzeige! Dieser Kommentar hatte 223 «Likes» – und nur 121 «Gefällt mir nicht»-Bezeugungen, bevor er endlich gelöscht wurde.

Weihnachten 2015. Maria, Josef und Jesus wohnen in einem Asylantenheim und «Pegida»-Hetzer marschieren durch Flums und schreien mit Hitler und Herodes: «Tötet sie!» – Hoffentlich gibt es dann auch bei uns barmherzige einheimische Hirten auf dem Feld und weise Menschen aus dem Morgenland, die inmitten von Hass den Weg weisen.

Werner De Schepper ist Kolumnist der «Nordwestschweiz».

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