Dorers nächster Halt
Pöbelnde Passagiere

Der Vorfall vom Sonntag in Baden hat den Aargau schockiert: Scheinbar grundlos wurde ein Buschauffeur attackiert und spitalreif geschlagen. Die Polizei konnte den Täter kurz darauf verhaften und in die Psychiatrie einliefern.

Christian Dorer*
Christian Dorer*
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Die Polizei stellt den Buschauffeur-Prügler auf dem Denner-Parkplatz in Wettingen.

Die Polizei stellt den Buschauffeur-Prügler auf dem Denner-Parkplatz in Wettingen.

Tele M1

Seither werde ich ständig gefragt, ob ich schon mal etwas Ähnliches erlebt habe. Die Antwort: zum Glück nicht. Auch meine Kolleginnen und Kollegen beim Regionalbus Lenzburg (RBL) wurden in neuerer Zeit vor schlimmen Attacken verschont; einzig vor vielen Jahren bekam ein RBL-Chauffeur mal eine Faust ins Gesicht geschlagen.

Schwieriger haben es die Kontrolleure. Sie erleben natürlich viel häufiger heikle Situationen, weil kaum jemand gern beim Schwarzfahren erwischt wird. Das führt dann immer wieder zu unberechenbaren Reaktionen. Die Kontrolleure werden beschimpft, angerempelt und manchmal gar angespuckt.

Die prekärste Situation erlebte ich auf einer Extrafahrt. Ich fuhr eine Schulklasse ins Skilager nach Sedrun GR. Dort blockierte ich mit dem Bus die Zufahrt zu einer Quartierstrasse, bis die Schüler ausgestiegen waren. Ein Autofahrer aus Zürich, der sich in seinen Ferien eigentlich erholen sollte, geriet darob derart in Rage, dass ich mit der Zeit befürchtete, er könnte mir an die Gurgel springen. Zum Glück blieb es dann aber bei allerlei nicht druckfähigen Verwünschungen und der Drohung, sich bei den Chefs des Busbetriebs zu beschweren.

Vielleicht gilt Anstand im ländlichen Lenzburg und im noch ländlicheren Seetal noch mehr als in grossen Städten. Vielleicht aber wissen die Chauffeure und Chauffeusen des RBL auch, wie mit heiklen Situationen umgehen. Denn im Bus gilt dasselbe wie überall im Leben: Wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück. Wir Buschauffeure können viel dazu beitragen, ob eine heikle Situation vollends eskaliert oder nicht.

Bekam man früher als Fahrgast ob der grummeligen Chauffeure nicht selten den Eindruck, man müsse Dankbarkeit zollen, dass man überhaupt mitfahren darf, verstehen sich Busbetriebe längst als Dienstleistungsunternehmen. Der Kanton Aargau misst regelmässig die Kundenzufriedenheit aller Busbetriebe. Die Freundlichkeit der Chauffeure ist dabei ein wichtiger Punkt. Der RBL erreichte in der neusten Erhebung 81 Punkte, was über dem Durchschnitt liegt und «sehr zufrieden» bedeutet.

Zurück zu Gefahr und Gewalt: Die modernen Busse sind alle mit Kameras ausgerüstet, was eine prophylaktische Wirkung haben dürfte. Zudem gilt die Devise der Betriebsleitung, der Chauffeur soll sich im Zweifelsfall zurücknehmen, um sich nicht zu gefährden. Wenn also zum Beispiel eine Gruppe Besoffener in den Nachtbus einsteigt und sich weigert, die 5-Franken-Zuschläge zu lösen, dann lieber den Sicherheitsdienst avisieren als eine Eskalation provozieren, bei der man ohnehin den Kürzeren ziehen würde.

Wenn jedoch wie in Baden ein offenbar psychisch Gestörter ohne Vorwarnung dreinschlägt, dann nützt keine noch so raffinierte Deeskalationsstrategie. Man kann nur hoffen, dass einem selbst nie so etwas passiert.

*Christian Dorer ist Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Er hat den Car-Ausweis und fährt in seiner Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.

@christian.dorer@azmedien.ch

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