Streitschrift
Schriftsteller Lukas Bärfuss rechnet aus der Ferne mit der Schweiz ab

In der renommiertesten deutschen Tageszeitung «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) hat der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss eine Abrechnung mit der eigenen Heimat publiziert – unter dem Titel «Die Schweiz ist des Wahnsinns».

Gieri Cavelty
Gieri Cavelty
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In der renommiertesten deutschen Tageszeitung «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) hat der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss eine Abrechnung mit der eigenen Heimat publiziert – unter dem Titel «Die Schweiz ist des Wahnsinns».

In der renommiertesten deutschen Tageszeitung «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) hat der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss eine Abrechnung mit der eigenen Heimat publiziert – unter dem Titel «Die Schweiz ist des Wahnsinns».

Mathias Marx

Die Schweiz spinnt, und drei Tage vor den Wahlen empört sich Lukas Bärfuss darüber in der «FAZ».

Als Sinnbild für den schlimmen Zustand des Landes benennt der Schriftsteller die Spielzeugversion helvetischer Baudenkmäler, die Suissemania-Aktion der Migros. «Zerrüttet von den globalen Stürmen», schreibt Bärfuss zu Beginn, «sucht das Land Halt in nationalen Monumenten, die mittlerweile auf Miniaturgrösse geschrumpft sind, als Beifang des täglichen Konsums kostenlos abgegeben werden und problemlos in die persönliche Nippessammlung passen. Selbst der Werbespruch auf dem Umschlag scheint die hiesige Umnachtung aufzunehmen: ‹Mit vielen tollen Rätseln!›»

Suissemania als Symbol des kranken Kleinstaats – dieses Bild ist so kreativ wie eingängig. Diese Idee macht Bärfuss’ Text denn auch lesenswert. Keine andere deutschsprachige Zeitung hatte ihrem Publikum am Donnerstag einen ähnlich originellen Gedanken zu bieten. Das ist nicht wenig!

Auf den folgenden Zeilen hat Bärfuss dann allerdings nichts zu sagen, was man nicht schon anderswo – und dort stringenter formuliert – gelesen hat. Was man dem Beitrag indes ganz grundsätzlich zugute halten kann: Wenn die prominentesten politischen Protagonisten die Schweiz heute in den kitschigsten Farben malen, dann tut es nur gut, dass ein Autor ausnahmsweise dagegenhält und erfrischend einseitig gegen das Land vom Leder zieht.

Seine Fans werden Lukas Bärfuss applaudieren (respektive den «Like»-Button klicken) – einige Rechtsausleger werden womöglich Empörung mimen. Und beide Seiten werden anschliessend zur Tagesordnung übergehen. Die Zeiten sind vorbei, da eine unmittelbar politische Äusserung eines Schriftstellers nicht einfach nur effekthascherisch wirkte, sondern effektiv Wirkung zeitigen konnte. Wobei sich kaum jemand ernsthaft jene Ära zurückwünschen dürfte, als Landeskönig Kurt Furgler dem Landeskritiker Max Frisch öffentlich die Leviten las.

Das alles bedeutet nicht, dass Schriftsteller als politische Vor- und Querdenker ausgedient haben. Im Gegenteil! Man führe sich vor Augen, wie eminent politisch und breit Michel Houellebecqs grossartiger Roman «Unterwerfung» rezipiert worden ist. Lesen Sie Milan Kunderas «Das Fest der Bedeutungslosigkeit» oder Umberto Ecos «Nullnummer» – um bei den Neuheiten der vergangenen Monate zu bleiben. Hier gibt es sowohl fantasievolle wie welthaltige Geschichten, als auch Stoff für lange Diskussionen – kurz: gute Literatur.

Lukas Bärfuss hat ebenfalls schon Wichtiges publiziert. Sein Artikel in der gestrigen «FAZ» jedoch ist bestenfalls die Suissemania-Version von politischer Literatur. Das ist nicht weiter schlimm, bloss etwas unfreiwillig ironisch.

gieri.cavelty@azmedien.ch

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