Abstimmungen
Schuld an allem sind Wetter und Internet

In kalten Monaten hat Weltoffenheit keinen leichten Stand. Das macht Ecopop für einen Teil der Stimmenden attraktiver. Überhaupt lohnt es sich, nach Faktoren zu fragen, die mit der Zuwanderung nichts zu tun haben, der Initiative aber helfen könnten.

Gieri Cavelty
Gieri Cavelty
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Die Hypothese lautet: Je schöner das Wetter diesen November bleibt, desto geringer wird der Ja-Anteil für Ecopop ausfallen.

Die Hypothese lautet: Je schöner das Wetter diesen November bleibt, desto geringer wird der Ja-Anteil für Ecopop ausfallen.

Keystone

Ein kleiner Spartipp an den Bundesrat: Heikle Vorlagen à la Ecopop sollten den Stimmbürgern mit Vorteil während der warmen und hellen Jahreszeit vorgelegt werden.

Ich habe kurz nachgeschaut: In den letzten 20 Jahren hatten Volksinitiativen, die im November und Februar zur Abstimmung gelangten, eine deutlich höhere Chance auf ein Ja als Vorlagen, über die zwischen März und September befunden wurde.

In den kalten und dunklen Monaten verspüren wir Schweizer offenbar ein grundsätzliches Bedürfnis nach Opposition.

Bei aussen- und ausländerpolitischen Fragen ist die Anzahl Sonnenstunden aber besonders entscheidend: In Spätherbst und Winter hat Weltoffenheit keinen leichten Stand, verkriechen sich viele ins elektorale Schneckenhaus.

Das knappe EWR-Nein 1992 kam im Dezember zustande, die Minarett-Initiative 2009 an einem frostigen Novembertag, die Masseneinwanderungsinitiative im letzten Februar, da sich das Stimmvolk wegen Rollkragenpulli, Mantel und Wollmütze speziell eingeengt fühlte. Umgekehrt wurde das Ja zu Schengen/Dublin an einem Junitag beschlossen, der Beitritt zur UNO im März.

Die Experimental- und Kognitionspsychologie hat gezeigt, wie beeinflussbar wir Ahnungslosen sind. Steht die Abstimmungsurne in einem Schulhaus, gewähren die Stimmenden höhere Bildungsausgaben als anderswo. In hohen Räumen ergeben sich kreativere Ideen. Menschen gehen langsamer, haben sie zuvor an Wörter gedacht, die mit dem Thema «Altern» assoziiert werden. Haben sie sich mit dem Begriff «Geld» beschäftigt, handeln sie egoistischer.

Warum also sollte eine Initiative wie Ecopop, die unmittelbar die Befindlichkeit der Menschen anspricht, im tendenziell depressiven November nicht mehr Zuspruch erfahren als im Sommer?

Gewiss: Die Einstellung pro oder kontra Isolation wird nicht allein durch Wind und Wetter bestimmt. Gerade für eine Stimmbürgerschaft, die sich als aufgeklärt betrachtet, ist es gleichwohl interessant, auch einmal über mögliche externe Einflüsse auf das Abstimmungsverhalten zu reflektieren.

Die digitale Revolution

Mit Blick auf Ecopop lohnt es sich, nach weiteren Faktoren zu fragen, die nichts mit dem Thema Zuwanderung zu tun haben und die der Initiative trotzdem Auftrieb verleihen könnten. Meine These: Wie kaum ein politisches Anliegen entspricht Ecopop einer Ersatzhandlung. Die Vorlage ist unter anderem der Versuch, mit dem analogen Mittel der Grenzschliessung den Sorgen unseres digitalen Zeitalters zu begegnen.

Die Entwicklung im digitalen Bereich ist spektakulär. Volkswirtschaften, Gesellschaften – unser ganzes Leben wird in einem Tempo umgepflügt, wie es vor uns keine Generation erlebt hat. Dieser Prozess folgt einer Regel: «Moore’s Law», benannt nach dem Industriemanager Gordon Moore. Sie besagt, dass sich die Leistungsfähigkeit von Computern alle 12 bis 24 Monate verdoppelt.

Heute kann das Handy, was bis vor kurzem nur der Nasa-Rechner schaffte. «Moore’s Law» zeitigt Erfreuliches: Wer schätzt nicht die immer famoseren Möglichkeiten seines Smartphones und dass wir samstags nicht mehr zwangskollektiv «Wetten dass...?» schauen müssen? Und wenn wir in Bälde gar vom eigenen Auto herumchauffiert werden – umso besser.

Andererseits provoziert der rasende Wandel ein Grundgefühl von Unvorhersehbarkeit und Unsicherheit bis hin zu Zukunftsangst. Die derzeit gefeierten Vordenker der westlichen Welt sprechen von einer Zeitenwende; sie bewerten diese freilich sehr unterschiedlich.

Da ist etwa der Amerikaner Jaron Lanier, dem eben der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. Lanier warnt vor den Gefahren des Internets für die Freiheit jedes Einzelnen. Nebenbei orakelt er über das Ende des Kapitalismus.

Am anderen, dem optimistischen Ende des Spektrums preist der Ökonom Jeremy Rifkin den Segen des Internets. Auch er prophezeit das Ende des Kapitalismus: Im Jahr 2050, so Rifkin, kann der durchschnittliche Erdenbürger seine sämtlichen Bedürfnisse per Computer und 3-D-Drucker nahezu gratis befriedigen. Die Marktwirtschaft werde von einem neuen Sozialismus abgelöst.

Diese Denker haben den Vorteil, dass sie die Entwicklung originell analysieren können und dabei tüchtig danebenhauen dürfen. Die Verantwortungsträger in der Politik indes reagieren kaum oder nur langsam. Zu verschieden sind die Interessen, zu eng der Handlungsspielraum, zu schnell der Wandel, zu inkompetent die meisten.

Und muss die Politik überhaupt handeln, da doch alles angeblich nur besser und effizienter wird? So nimmt denn hierzulande jenes Grundgefühl von Unvorhersehbarkeit und Unsicherheit bei Teilen der Bevölkerung die Gestalt einer grundsätzlichen Wachstumskritik sowie eines neuartigen Unbehagens im Kleinstaat an. Eines Kleinstaats, der sich der vermeintlichen Überbevölkerung erwehren muss und sich eine Zukunft als analoges Heimatmuseum erträumt.

Migranten eignen sich besser als Bytes

Die entscheidenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen auch in der Schweiz entspringen der digitalen Revolution. Das Bankgeheimnis zum Beispiel wurde geknackt, weil es die Kundendaten heutzutage allesamt elektronisch gibt und weil man sie mit vergleichsweise geringem Aufwand einsehen und verarbeiten kann.

Und was die von Jeremy Rifkin gelobten 3-D-Drucker für Wunderdinge vollbringen, wie viele Arbeitsplätze in der Industrie sie überflüssig machen werden – nun, das muss sich noch weisen.

In jedem Fall aber ist es so: Zuwanderer haben im Gegensatz zu Bits und Bytes den Vorzug, dass man sie im Wortsinn persönlich für den Lauf der Welt verantwortlich machen und sein Unbehagen direkt an sie adressieren kann.

Wobei doch noch gesagt sein soll: Je schöner das Wetter diesen November bleibt, desto geringer wird der Ja-Anteil für Ecopop ausfallen.

gieri.cavelty@azmedien.ch

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