Bildungswesen
Schulwelt und Arbeitswelt sind besser zu kombinieren!

Hans Zbinden war aargauischer Grossratspräsident, langjähriger Nationalrat und gilt als Vater der Bildungsartikel in der schweizerischen Bundesverfassung. Seinen Gastkommentar widmet er zur der zunehmenden Versportung des Bildungswesens.

Hans Zbinden Dr. phil I
Hans Zbinden Dr. phil I
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Im Zweifelsfall stehen die Gymnasien mit ihrer vertrauten und förderlichen Unterrichtskultur den Jugendlichen näher.

Im Zweifelsfall stehen die Gymnasien mit ihrer vertrauten und förderlichen Unterrichtskultur den Jugendlichen näher.

Peter Siegrist

Auch wenn vor kurzem der US-Arbeitsminister bei seiner Schweizer Visite für unser duales Berufsbildungswesen nur Lob übrig hatte – die Alltagswirklichkeit erzählt uns anderes: Das Interesse unserer Jugendlichen an der Berufslehre nimmt ab. Die Zahl der Lehrabbrüche ist auffallend gross. Auch immer mehr Berufslernende, die parallel zur Lehre eine Berufsmaturität BM 1 anstreben, geben auf. Dazu gibt es zu wenig Lehrbereiche für Frauen.

Hans Zbinden Dr. phil I

Der Autor ist Bildungswissenschafter und Bildungspolitiker. Er war aargauischer Grossratspräsident, langjähriger Nationalrat und gilt als Vater der Bildungsartikel in der schweizerischen Bundesverfassung. Er präsidiert die Eidgenössische Fachhochschulkommission 2012–2015.

Eigentlich wäre diese durchzogene Zwischenbilanz Anlass genug, um die bisher strikte Trennung der Höheren Bildung in Allgemein- und Berufsbildungspfeiler gründlich und umfassend zu hinterfragen: pädagogisch, organisatorisch, arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisch, kulturell und auch finanziell. Denn seit geraumer Zeit erkennen wir zwischen den allgemeinbildenden und beruflichen Ausbildungsprogrammen zunehmend wechselseitige Imitationen und Tendenzen zu Mischlösungen. So wurden auf der Hochschulstufe Universitäten zunehmend fachhochschulartig. Und umgekehrt Fachhochschulen immer universitätsähnlicher (z. B. Doktorat). Auch auf der Sekundarstufe II streben immer mehr Berufslernende eine Berufsmaturität an – zunehmend nach der Lehre. Die Gymnasien ihrerseits suchen mit dem Einbau und späteren Anbau von praktischen Elementen mehr Nähe zur Arbeitswelt. So erstaunt es nicht, wenn die gut informierten Jugendlichen vermehrt die vorhandenen Schul- und Ausbildungswege nutzen, um sie geschickt zu kombinieren und für ihre schwer bestimmbaren Lebensperspektiven vorerst offen zu halten.

Diese Entwicklungen sind aber mehr als nur Tatsachen. Sie könnten auch als Schlüssel dazu dienen, mögliche Zukunftswege besser zu finden. Denn die gesellschaftlichen und bildungspolitischen Herausforderungen von heute und morgen erfordern mit ihrer Komplexität vermehrt Lösungsansätze, die gleichermassen wissenschafts- und praxisorientiert sind. Unsere Bildungs- und Ausbildungszukunft wird hybrid sein! Eine intelligente Mischform von Bildungs- und Arbeitswelt.

Doch unsere obersten Bildungsbehörden von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt setzen nach wie vor lieber auf marketinggestützte Mobilisierungs- und Umlenkungsmassnahmen. Mit ihnen versuchen sie, die Einstellungen und das Verhalten der Jugendlichen und ihrer Eltern berufsbildungsfreundlicher zu stimmen.
Mit kostspieligen Berufsbildungsoffensiven des Bundes, mit Lehrstellenbeschlüssen des Parlamentes oder durch Aufklärungskampagnen vom «Beobachter» bis hin zum Schweizer Fernsehen.

Sinnvoller wäre es, diesen Zwiespalt bildungspolitisch offensiv anzugehen: mit neuen Scharniermodellen in der nachobligatorischen Bildung. Vor allem in Zeiten knapper werdender öffentlicher Finanzen. Denn langfristig werden wir uns mehrgleisige und redundante Programme der höheren Bildung nicht mehr leisten können! Denkbar wären dabei:

  • Markant erhöhte Anteile der Allgemeinbildung und der Fremdsprachen in den Berufslehren.
  • Berufsfachschulen und Gymnasien arbeiten viel enger zusammen. Etwa mit gemeinsamen Programmmodulen im Allgemeinbildungsbereich.
  • Die Fachmittelschulen FMS mit einjähriger Maturitätszusatzausbildung sind in allen Regionen zu installieren.
  • Duale Gymnasien mit obligatorischen Arbeitsweltsemestern und Maturitätsabschlüsse mit anschliessender verkürzten Lehre «way up plus» werden gefördert.
  • Hybridhochschulen mit integrierten Studien- und Arbeitsweltsemestern werden ermöglicht.

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