Kommentar
Vertrauen fassen – auch zu Menschen

Bei jedem Schub, den die Technik erfährt, muss es neu aufgebaut werden: Das Vertrauen in sie. Aber auch Menschen, die sie bedienen, müssen wir trauen. Wie schnell es weg ist, zeigt die Tragödie um die abgestürzte Germanwings-Maschine.

Max Dohner
Max Dohner
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Angehörige der Opfer trauern im südfranzösischen Le Vernet unweit der Absturzstelle.

Angehörige der Opfer trauern im südfranzösischen Le Vernet unweit der Absturzstelle.

Keystone

Diese beiden Bilder oder Gefühle begleiten jeden technischen Schub. Bis heute, da der Computer alles umkrempelt, auch den Verkehr. Mittlerweile fahren in 25 Städten U-Bahnen ohne Lokführer. Drohnen in Flugzeuggrösse finden präzise ihre Route. Intelligente Blechbüchsen landen im Nirgendwo auf abschüssigen Steinkartoffeln – wie Philae auf dem Kometen. Aber der Mensch fasst kein Vertrauen zu den tollen Maschinen. Er setzt sich hinein nur mit seinesgleichen.

Letzte Woche wurde das 149 Menschen zum Verhängnis: das Vertrauen zu ihresgleichen. Der 150. Mensch brachte – mutmasslich – die Maschine zum Absturz. Soll darum die Technik künftig das Steuer ganz übernehmen, auch am Boden? Soll der Intercity ohne Lokführer von Bern nach Zürich brausen?

Technisch wären Bahn und Flieger per Computer einfacher zu steuern als Autos. Autos aber bleiben am Boden; nur das Bodenlose weckt Ängste.

Und jetzt soll die Maschine helfen gegen das Bodenlose der Seele? Ohne Vertrauen ist ein Bezug zu beidem nicht möglich, zu Mensch oder Maschine. 100 Jahre nach D’Annunzio und Kafka gelang es Pilot Sullenberger, eine stotternde Maschine im Hudson notzuwassern; 150 Passagiere verdankten ihm damals ihr Leben.

@ max.dohner@azmedien.ch