Einwurf
Wir Mikro-Migranten

Meine rätoromanische Grossmutter konnte bloss einen einzigen Satz auf Deutsch. Soviel dürfte ein Au-pair aus Eritrea auch bald schaffen. Vielleicht hilft diese Sicht, die aktuellen Migrationsdebatten etwas zu entkrampfen?

Gieri Cavelty
Gieri Cavelty
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Balz Caduff alias Zarli Carigiet hauste im Film «Es Dach überem Chopf» in Zürich unter slumähnlichen Bedingungen.

Balz Caduff alias Zarli Carigiet hauste im Film «Es Dach überem Chopf» in Zürich unter slumähnlichen Bedingungen.

Keystone

Ich bin Migrant. Und dies aus wirtschaftlichen Gründen. Noch heute hallen mir die Worte des damaligen Bündner Erziehungsdirektors im Ohr, wonach Graubünden tüchtige Berufsleute brauche, aber bitte keine Akademiker. Graubünden sei Werkplatz, nicht Denkspass. Beim Hören dieser Rede spätestens, Mitte der Neunzigerjahre, dämmerte mir als angehendem Geschichtsstudenten, dass es für mich schwierig werden könnte im Kanton der Skilifte und der Holzverarbeitung. Doch ich hatte Glück: In der Schweiz gilt seit 1848 der freie Personenverkehr, nur einmal, nach dem 1. Weltkrieg, hatten einige Städte die Niederlassungsfreiheit zeitweilig aufgehoben. So umfasste denn die erste Etappe meiner Migration keine 100 Kilometer – und Zürich empfing mich noch dazu mit offenen Armen. Wenn ich daran denke, wie schlimm es einst um Balz Caduff alias Zarli Carigiet in «Es Dach überem Chopf» bestellt war! In diesem Film von Kurt Früh aus den frühen Sechzigern hauste der Bündner Einwanderer in Zürich unter slumähnlichen Bedingungen. Vierzig Jahre später rollte mir die Limmatstadt den roten Teppich aus. In Chur, meinem Geburtsort, hat man als Träger des Vornamens «Gieri» wenig zu lachen: Über nichts grölt der Khurer lieber als über eine fiktive Witzfigur namens «Gion-Gieri», einen Rätoromanen, der nichts kann – am wenigsten aber Deutsch. Was Wunder, dass ich, Sohn eines Rätoromanen und einer Deutschbündnerin, meine Churer Kindheit lang fürs Romanische wenig übrig hatte. In Zürich dagegen war ich der lustige Krauskopf, der Erinnerungen an die letzten Skiferien weckte und entsprechend hoch im Kurs war. In Zürich wurde ich zum Rätoromanen.

Leider bin ich später nach Bern weitergewandert. Mit den Privilegien des Schellen-Ursli ist es seither vorbei, in Bern schätzt man andere Skiparadiese. – Womit ich meine Lebensbeichte auf eine allgemeinere Ebene bringen möchte. Denn darum geht es an dieser Stelle: Meine Migrantenkarriere ist helvetischer Alltag. Gemäss Bundesamt für Statistik verlegen Jahr für Jahr gut 140 000 Personen ihren Wohnort in einen anderen Kanton. Hinzu kommen jene jährlich rund 30 000 Schweizer Bürger, die Wohnsitz im Ausland nehmen. Bedenken wir ausserdem, dass Herr und Frau Schweizer täglich im Schnitt eine Stunde als Arbeitspendler unterwegs sind, so verfestigt sich das Bild einer nachgerade bewegungsvernarrten Schweiz: Wir Schweizer sind eine Nation der Mikro-Migranten. Und wir tun es meist: aus ökonomischen Motiven.

Vielleicht hilft diese Sicht, die aktuellen Migrationsdebatten etwas zu entkrampfen? Es sei betont: Ein Grossteil der Asylsuchenden flieht vor Krieg oder ist politisch verfolgt und hat Anspruch auf Schutz. Es geht hier zuallerletzt darum, das unsägliche Leid etwa der syrischen Zivilbevölkerung zu relativieren. Gewiss ist es allerdings auch unser Wohlstand, der andere anzieht. Wobei kaum jemandem die soziale Hängematte vorschwebt, wenn er hierherkommt. Den meisten geht es um eine Perspektive. Doch muss diese Möglichkeit zum sozialen Aufstieg auch gegeben sein, sonst rutscht die Hängematte zumindest für die Mittellosen unter den Zuzügern effektiv in den Fokus. Westeuropa steckt in einer langwierigen Diskussion der Asyl- und Ausländerpolitik. Auf dem Prüfstand steht unter anderem das heutige Prinzip, wonach Menschen im und nach dem Asylprozess vom Arbeitsmarkt möglichst fernzuhalten sind, damit ein Land für sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge unattraktiv bleibt. Dieser Grundsatz ist an sich logisch. Dumm ist nur, wenn jene Menschen, die nun einmal hier sind, in die Sozialhilfe migrieren, weil man sie zwar nicht ausser Landes bekommt, sie aber auch nicht integrieren will.

Die Debatte im Spannungsfeld zwischen Mitleid und Nationalismus, zwischen berechtigten Befürchtungen vor einer Erosion des Sozialstaats und hochfliegenden ökonomischen Theorien – diese Debatte ist das eine. Das andere sind realpolitische Fakten und Bedürfnisse der unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen – Alteingesessene, Binnenmigranten, Ausländer. Ich selber habe eben bei der Stadt Bern angefragt, ob meiner Familie ein Flüchtling zur Hand gehen könnte. Natürlich nicht unentgeltlich, aber doch zu einem erschwinglichen Tarif: Als unsere eigentliche Gegenleistung sähe ich unsere Integrationsarbeit. Umgekehrt wären meine Frau und ich mit unseren bald drei Buben froh um Unterstützung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung. Als Migranten müssen wir ohne unsere Eltern auskommen; die mögen sich verständlicherweise nicht immer nach Bern bemühen. Und so gut Deutsch wie meine eigene rätoromanische Grossmutter dürfte eine eritreische Tante bald sprechen: Meine Grossmutter beherrschte nur einen einzigen Satz auf Deutsch. (Kurioserweise war es ein Zitat von Theodor Fontane.) Stattdessen hatte sie mir Romanisch beigebracht. Und das weiss ich seit meiner Bekehrung zum Rätoromanen durchaus zu schätzen.

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