Pro und Contra
«Irrweg Tierversuch» oder «massive Einschränkung für die Forschung»: Die Debatte zur Tierversuchsinitiative

Für die Initianten sind Tierversuche ein Irrweg. Die Gegner warnen vor einem Verbot. Wir lassen beide Seiten zu Wort kommen: Initiantin Irene Varga und EVP-Nationalrätin Lilian Studer.

Irene Varga, Lilian Studer
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Pro: «Tierversuche stoppen – Forschung toppen»

Irene Varga, Co-Präsidentin IG Tierversuchsverbots-Initiative CH

Irene Varga, Co-Präsidentin IG Tierversuchsverbots-Initiative CH

Urs Bucher

Wer ein Auto Probe fährt, rechnet nicht mit Pannen. Pannenfreiheit erwarten auch Teilnehmende an einem Menschenversuch – genannt klinische Studie. Vergebens. Die Realität ist erschreckend anders: die überwiegende Mehrzahl der Substanzen, welche nach Tierversuchen als erfolgsversprechend eingestuft werden, versagen im Menschenversuch und dürfen nicht auf den Markt.

Der Grund solcher gravierenden Fehlleistungen: man vertraut dem Irrweg Tierversuch. Es werden gigantische Ressourcen vertan mit Forschung an speziesfremden Zellen und Tieren, statt dass sie deutlich in die patientennützlichen Ansätze wie individualisierte Medizin, virtueller Patient, Selbstheilung und vieles mehr investiert werden würden. Die Medizinbranche kümmert dies wenig, solange Konsumenten und Gerichte den Produkten und Abläufen vertrauen.

Tierversuche retten nicht vor Pannen: Sogar Skandalsubstanzen wie Rofecoxib (VIOXX) oder Thalidomid (Contergan) oder ihre Derivate (z.B. Lenalidomid) sind zurück oder in der Vorbereitung dazu. Dies hängt nur am Rande damit zusammen, dass man in der Medizin langsam Einsicht entwickelt, welche die Schuhbranche schon früh erlangte: Schuhgrösse 42 passt nicht allen, aber einigen hervorragend.

So verhält es sich mit Medikamenten und der empfohlenen Dosis. Was immer man anwendet, es muss zum Nutzenden, zu seinem Genom, Epigenom, seinem physiologischen Zustand und zu seiner Darmflora etc. passen.

Wo individuelle Unterschiede ignoriert werden, wundert man sich darüber, dass sich Studien widersprechen und Heilungen ausbleiben. Längst jedoch müssten alle wissen, dass selbst eineiige Zwillinge von je eigenen Rezepten profitieren. Wie sollten da Hund, Katz, Maus & Co der bessere Ratgeber sein?

«Es gibt nur zwei Gründe, für Tierversuche zu sein: man verdient daran, oder man weiss zu wenig darüber.» nach Dr. med. Werner Hartinger.

Contra: «Gegen ein Verbot von Forschung und medizinischem Fortschritt»

Lilian Studer, Nationalrätin EVP/AG

Lilian Studer, Nationalrätin EVP/AG

Britta Gut

Die Initiative gefährdet die Gesundheitsversorgung der Schweiz und ist deshalb abzulehnen. Sie fordert ein bedingungsloses Verbot für jegliche Forschung an Tieren und am Menschen. Zudem will sie den Handel sowie die Ein- und Ausfuhr sämtlicher Produkte verbieten, wenn dafür Tierversuche durchgeführt wurden.

Eine Annahme der Initiative würde die Forschung in der Schweiz massiv einschränken und den medizinischen Fortschritt verhindern. Neue Medikamente und Therapien würden verboten, die medizinische Versorgung würde sich verschlechtern. Dies hätte gravierende Konsequenzen für uns alle: nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Haus- und die Nutztiere.

Auch wenn intensiv an Alternativen geforscht wird, können nicht alle Tierversuche ersetzt werden. Sie bleiben daher notwendig. Das hat auch die Forschung an Impfstoffen gegen COVID-19 gezeigt. In der Schweizer Forschung gilt das sogenannte 3R-Prinzip. Tierversuche werden nur bewilligt, wenn sie nicht durch eine alternative Methode ersetzt werden können (Replace), die Zahl der Versuchstiere auf das notwendige Minimum reduziert wird (Reduce) und die Versuchsmethoden die Tiere möglichst wenig belasten (Refine). In den letzten dreissig Jahren konnte die Anzahl Versuchstiere um mehr als zwei Drittel reduziert werden.

Der Schutz der Tiere ist in der Schweiz in der Verfassung verankert, unser Tierschutzgesetz gilt als eines der strengsten der Welt. Die Verwendung von Versuchstieren muss von einer kantonalen Tierversuchskommission bewilligt werden. Diese wägt ab, ob der mögliche Nutzen eines Versuchs für den Menschen höher zu gewichten ist als das voraussichtliche Leiden der Tiere.

Das Parlament hat sich einstimmig, also ohne eine einzelne Gegenstimme, gegen die Initiative ausgesprochen. Sogar der Schweizer Tierschutz ist gegen die Initiative. Sie ist zu radikal und deshalb abzulehnen.

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