Atomausstieg
Berechnungen des Bundes zu optimistisch: Nuklearforum befürchtet Blackout ab 2035

Die Energiestrategie der Schweiz gehe von zu optimistischen Annahmen aus, kritisiert das Nuklearforum Schweiz. Es gebe gar nicht soviel Strom, wie die Schweiz ohne AKW importieren müsste.

Peter Walthard
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Soll wegen der Klimaziele in Langzeitbetrieb gehen: das Atomkraftwerk Gösgen.

Soll wegen der Klimaziele in Langzeitbetrieb gehen: das Atomkraftwerk Gösgen.

Keystone

Ab 2035 werde der Schweiz weniger Importstrom zur Verfügung stehen, als es die Energiestrategie des Bundes vorsieht. Zu dieser Einschätzung kommen das Nuklearforum Schweiz und die Schweizerische Gesellschaft der Kernfachleute aufgrund einer Studie von Nachwuchswissenschaftern, Ökonomen und Juristen, die am Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Eine Analyse der Energiestrategien der Nachbarländer zeige, dass die im letzten Jahr vom Bund veröffentlichten Energieperspektiven 2050+ zu optimistisch seien, führte Co-Autor Lukas Schmidt an einer Medienkonferenz aus. Denn auch in der EU steige der Stromverbrauch durch die Elektrifizierung des Verkehrs und die Digitalisierung der Wirtschaft markant an.

Besonders krass werde die Energieabhängigkeit der Schweiz im Winter sein: Da in der kalten Jahreszeit weniger Sonnenenergie produziert werden könne, müsste das Land in den Wintermonaten bis zu 40 Prozent des Strombedarfs importieren, rechnete Schmidt vor. Da aber auch die Nachbarstaaten verstärkt auf alternative Energien setzten, um ihre Klimaziele zu erreichen, werde der Winterstrom auch dort knapp. Sollte es im europäischen Netz irgendwann tatsächlich zu wenig Strom haben, sei die Strategie der Schweiz unklar. «Die Pandemie hat gezeigt, dass bei einer Verknappung immer noch jedes Land zuerst für sich schaut», sagte Schmidt.

Auch gehe der Bund in seinen Berechnungen davon aus, dass die Energieproduktion mit Wind, Sonne und Wasser stetig gesteigert werden könne. Gerade in der Schweiz sei dies nicht unbedingt gegeben, da verhältnismässig wenig Fläche zur Verfügung stehe. Irgendwann werde sich auch die Frage nach der Akzeptanz in der Bevölkerung stellen, so Schmidt.

Der «Ausstieg aus dem Ausstieg»

Es sei deshalb sehr wahrscheinlich, dass die Schweiz am Ende doch auf Gaskraftwerke setzen werde, um das Risiko einer Strommangellage abzuwenden, so Schmidt. Damit würden jedoch die Fortschritte beim Erreichen der CO2-Ziele gleich wieder zunichtegemacht. Als Alternative präsentiert das Strategiepapier des Nuklearforums eine Art «Ausstieg aus dem Ausstieg»: Statt wie vorgesehen 50 Jahre sollen die bestehenden Kernkraftwerke 60 Jahre oder länger laufen. Ab 2040 könnte dann eine neue Generation von Kernreaktoren, sogenannte Small Modular Reactors, das Netz stützen. Dafür nötig wäre eine Änderung des 2017 vom Volk angenommenen Energiegesetzes, das den Neubau von Kernanlagen in der Schweiz verbietet.

Es sei fraglich, ob sich die Schweiz dies noch leisten könne, sagte der Präsident des Nuklearforums, Hans-Ulrich Bigler. Er verwies auf die Gefahren, die ein Blackout mit sich bringe: Der Risikobericht des Bundesamts für Bevölkerungsschutz definiere eine länger anhaltende Strommangellage als derzeit grösste Gefahr für die Schweiz, noch vor einer Pandemie. Auch habe die internationale Klimakonferenz (IPCC) in ihren Berichten selbst die Bedeutung der Nukleartechnologie für die Bekämpfung des Klimawandels hervorgehoben. All dies müsse nun in die Überlegungen der Politik einfliessen, forderte Bigler.