Gesundheit
Paradigmenwechsel: Für Organspende ist keine Zustimmung mehr notwendig

Wer nach seinem Tod keine Organe spenden möchte, soll das neu festhalten müssen. Dem stimmt der Ständerat zu. Anders als die Organspende-Initiative möchte er die Angehörigen einbeziehen.

Reto Wattenhofer
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Eine Niere vor der Transplantation. Die Warteliste für lebensrettende Organe ist hierzulande lang. Das soll sich nun ändern.

Eine Niere vor der Transplantation. Die Warteliste für lebensrettende Organe ist hierzulande lang. Das soll sich nun ändern.

Keystone

In der Schweiz warten 1500 Menschen auf ein rettendes Organ. Die Organspendezahlen konnten zwar seit 2013 schrittweise erhöht werden. Im europäischen Vergleich bleiben sie jedoch tief. Letztes Jahr starben 72 Menschen, die sich auf der Warteliste befanden. Die Initiative «Organspende fördern - Leben retten» fordert nun einen Systemwechsel. Grundsätzlich soll jede Person als potenzielle Organspenderin gelten, ausser sie hat sich zu Lebzeiten dagegen entschieden. Heute ist es genau umgekehrt.

Der Bundesrat unterstützt zwar das Anliegen, möchte aber weniger weit gehen. Sein indirekter Gegenvorschlag sieht eine erweiterte Widerspruchslösung vor, in der die Angehörigen einbezogen werden müssen. Diese können auch in Zukunft eine Organspende ablehnen, wenn es dem Willen der verstorbenen Person entspricht.

Gangbarer Weg

Im Ständerat stiess dieser Vorschlag am Montag auf breite Zustimmung. Er hiess den Gegenvorschlag mit 31 zu 12 Stimmen gut. Der Systemwechsel sei eine konkrete Antwort auf den Organmangel, betonte Paul Rechsteiner (SP/SG) im Namen der Kommission. Mit der erweiterten Widerspruchslösung werde sich die Zahl der Spender aber erhöhen.

Einig war sich der Ständerat, dass die geltende Zustimmungslösung unbefriedigend sei. Eine Spende kommt heute nur infrage, wenn die verstorbene Person zu Lebzeiten zugestimmt hat. Liegt keine Willensäusserung vor, werden die Angehörigen angefragt. In dieser schwierigen Situation wird eine Spende in rund 60 Prozent der Fälle abgelehnt, obwohl die Spendebereitschaft der Bevölkerung gemäss Umfragen gross ist.

Skeptisch war Josef Dittli (FDP/UR). Der Gegenvorschlag schaffe eine Erwartungshaltung, die einer Organspendepflicht nahekomme. «Wer sich nicht wehrt, gilt grundsätzlich als Spender.» Damit werde das Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt, betonte Dittli. Für Kantonskollegin Heidi Z'graggen (Die Mitte) stellt das ein «quasi automatischer Zugriff» auf den Körper des Menschen dar. Auch den Angehörigen sei diese Belastung nicht zuzumuten.

Räte im Wesentlichen einig

Der Ständerat folgte bei der Detailberatung weitgehend dem Nationalrat. So soll der Wille der verstorbenen Person Vorrang haben vor jenem der nächsten Angehörigen. Hat jemand den Entscheid über die Organspende einer Person ihres Vertrauens übertragen, so tritt diese an die Stelle der nächsten Angehörigen. Der Wille der verstorbenen Person sei massgebend, erklärte Rechsteiner.

Nicht gerüttelt wird an den Voraussetzungen für eine Spende: Organe spenden können nur Personen, die im Spital einen Hirntod infolge Hirnschädigung oder Kreislauf-Stillstand erleiden. Verstirbt jemand zu Hause oder ausserhalb des Spitals, ist eine Organspende nicht möglich. Mit einer Differenz geht das Geschäft erneut an den Nationalrat.

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