Gender Gap Report des WEF
Schweiz macht bei Gleichstellung Plätze gut: Warum das nur die halbe Wahrheit ist

Im internationalen Gleichstellungsindex des WEF ist die Schweiz gleich um acht Plätze aufgestiegen. Sie gehört nun zu den besten zehn Ländern weltweit. Doch der Schein trügt.

Reto Wattenhofer
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Die Schweiz gehört gemäss WEF in einem internationalen Gleichstellungsindex zu den zehn besten Ländern. (Symbolbild)

Die Schweiz gehört gemäss WEF in einem internationalen Gleichstellungsindex zu den zehn besten Ländern. (Symbolbild)

Keystone

Jedes Jahr untersucht die Stiftung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in einem internationalen Vergleich, inwieweit die Gleichberechtigung in der Gesellschaft erreicht ist. In der Regel schwingen skandinavische Länder obenaus. Auch im diesjährigen Global Gender Gap Report, den das WEF am Mittwoch veröffentlicht hat, erreichen Island (89,2 Prozent), Finnland (86,1 Prozent) und Norwegen (84.9 Prozent) die grösste Gleichberechtigung.

In die Top-Ten schafft es auch die Schweiz mit 79,8 Prozent erreichter Gleichberechtigung. Sie macht im Ranking damit acht Plätze gut gegenüber dem Vorjahr und verdrängt Deutschland auf Platz 11. Dennoch hat sich hierzulande nur wenig getan, wie ein Blick in den Bericht zeigt. Der Sprung ist vor allem auf die politische Beteiligung zurückzuführen – namentlich die Frauenwahl 2019. Bei den National- und Ständeratswahlen stieg der Frauenanteil im Parlament von 32,5 auf 42 Prozent.

Schweiz stagniert in vielen Bereichen

Als weiteren Grund führt das WEF in seinem Global Gender Gap Report an, dass mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga letztes Jahr eine Frau die Geschicke der Schweiz lenkte. In den letzten 50 Jahren sei das Land acht Mal von einer Frau regiert worden, heisst es in der Studie. Vergessen geht dabei, dass das Bundespräsidium hierzulande im Turnus vergeben wird und vor allem repräsentative Funktionen wahrnimmt.

Wenig Anlass für Hoffnungen geben dagegen die anderen Indikatoren, die das WEF für den Grad der Gleichstellung zu Rate gezogen hat. Bei der wirtschaftlichen Beteiligung und der Beschäftigung hat die Schweiz fünf Plätze verloren. Aus Sicht des WEF ist die fehlende Gleichstellung besonders augenfällig bei der Zahl der Frauen in höheren beruflichen Positionen und der Lohngleichheit. Auch würde die Schweiz «lediglich» einen Mutterschaftsurlaub von 14 Wochen gewähren.

WEF zeichnet düsteres Bild der Gleichstellung

Schon 2019 rechnete das WEF damit, dass es bei gleichbleibenden Trends 95 Jahre bis zur Gleichstellung dauern würde. Nach den verheerenden Entwicklungen des Coronajahres sind es nun 135,6 Jahre. Frauen seien weiter mit Hürden im Wirtschaftsleben und bei der politischen Beteiligung konfrontiert, heisst es im Bericht. Es bleibe für viele Frauen auf der Welt eine Herausforderung, mit Familie im Berufsleben zu bleiben.

Nach Ansicht der Studienautoren hat die Pandemie Frauen besonders getroffen, weil sie überdurchschnittlich in Branchen tätig seien, die von Einschränkungen betroffen gewesen seien. Zudem blieben Haushalt und Kinder- oder Seniorenbetreuung überproportional an Frauen hängen. Deshalb fordert das WEF mehr Investitionen im Pflegebereich.