Pandemie
«Wir verlassen uns nicht mehr auf das Versprechen, dass mehr Impfstoff kommt»

Die Kantone könnten ihre Impftermine an Abenden und Wochenenden ausweiten. Vorerst tun das nur wenige, wie etwa Bern. Andere bleiben vorsichtig. Das hat vor allem mit dem Vertrauen in den Bund zu tun.

Vanessa Hann
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Wer sich impfen lassen darf, muss das zu Bürozeiten tun. Die meisten Impfzentren sind an einzelnen Werktagen geöffnet, zwischen 8 und 17 Uhr. Mit ihrer Planung treffen die Kantone zum Teil auf Unverständnis, etwa beim Epidemiologen Marcel Salathé.

Über 300'000 Impfdosen vorhanden

Bereits an die Kantone ausgeliefert, aber noch nicht eingesetzt, sind momentan rund 305'000 Impfdosen. Zudem sind noch 77'500 Impfdosen beim Bund gelagert. Das teilte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Dienstag mit.

Von April bis Juli soll die Schweiz 8,1 Millionen Impfdosen von Pfizer/Biontech und Moderna erhalten. Ausserdem verspricht der Bund, dass bis Ende Juni jede impfwillige Person die erste Dosis erhalten hat.

«Man erzählt uns schon lange, dass mehr Impfstoffe kommen. Wir glauben es dann, wenn wir sie haben.»

Rudolf Leuthold, Gesundheitsamt Graubünden

Die Impfdosen sind also da. Und es werden noch mehr kommen. Wieso bieten die Kantone keine Impftermine am Wochenende an? Rudolf Leuthold vom Bündner Gesundheitsamt antwortet mit einer Gegenfrage: «Wieso soll man an Wochenenden und Feiertagen impfen, wenn man nicht genug Impfdosen hat? Aktuell sind wir nicht einmal an fünf Tagen pro Woche ausgelastet.»

Momentan würden alle Dosen verimpft, sagt Leuthold weiter. «Unter der Voraussetzung, dass wir genug Impfdosen zurückbehalten, um die zweite Impfung zu machen.» Der Bundesrat empfiehlt einen Intervall-Abstand von maximal sechs Wochen.

Dass der Bund mehr Impfstoffe zugesichert hat, ändere vorerst nichts. «Man erzählt uns schon lange, dass mehr Impfstoffe kommen. Wir glauben es dann, wenn wir sie haben», so Leuthold.

Von den befragten Kantonen plant inzwischen nur Bern, ihre Öffnungszeiten auszudehnen. Die anderen bleiben vorsichtig. Denn damit die Kantone effizient impfen können, müssen einige Kriterien erfüllt sein. Hier die drei wichtigsten.

1. Impfstoff: Verspätung bedeutet Chaos

Die Zusicherung des Bundesrates seien bloss Lieferprognosen, sagt Rudolf Leuthold von der Bündner Gesundheitsdirektion. Das Problem daran: «Wenn wir aufgrund der Prognosen nun Termine vergeben, die Kapazität erweitern und die Impfungen dann nicht kommen, müssen wir alles umplanen. Das wäre ein riesiger Mehraufwand.»

Die von Pfizer/Biontech oder Moderna zugesicherte Lieferung könne sich verzögern, sagt Leuthold weiter. Dabei sei schon ein Verzug von zwei Tagen schwerwiegend: «Wenn man an einem Tag 2000 Dosen einplant und die kommen nicht, muss man die ganzen Termine verschieben», so Leuthold.

«Pfizer/Biontech hat in den vergangenen Wochen pünktlich geliefert. Das gibt uns eine gewisse Sicherheit.»

Gundekar Giebel, Gesundheitsdirektion Bern

Im Kanton Bern war man bis gestern ebenfalls vorsichtig. Nun wolle die Gesundheitsdirektion aufgrund der zunehmend zuverlässigen Lieferungen mehr Impftermine anbieten, sagt Mediensprecher Gundekar Giebel. Der Grund für den Kurswechsel: «Pfizer/Biontech hat in den vergangenen Wochen pünktlich geliefert. Das gibt uns eine gewisse Sicherheit. Auch eine Modernalieferung ist im Land.»

Sofern die Lieferungen sich verzögern würden, sei es möglich, die Verzögerung zu kompensieren, sagt Giebel. Momentan ändere sich deshalb auch noch nichts, denn die Berner Impfzentren seien für die zusätzlichen Termine bereit.

Ab Mitte April würden dann die Öffnungszeiten verlängert. «Damit wollen wir auf Ende April die erwarteten Grosslieferungen verimpfen. Wenn diese Kapazitäten nicht ausreichen, öffnen wir auch an den Wochenenden», so Giebel.

2. Impftermine: Abhängig von den Lieferungen

Sobald man die Impfdosen habe, würden die Öffnungszeiten erweitert. Das sagen neben den Gesundheitsämtern in Graubünden und Bern auch jene in Zürich und St.Gallen.

«Wir sehen täglich, wie viel Kapazität unsere Zentren haben. Wenn wir feststellen, dass wir mehr Impfdosen erhalten, als dass die Kapazität der Zentren zulässt, werden wir die Impfzeiten erhöhen», sagt Rudolf Leuthold vom Bündner Gesundheitsamt.

Die meisten Impfzentren in Graubünden seien momentan nicht die ganze Woche geöffnet, so Leuthold weiter. Sobald nötig, soll an weiteren Tagen geimpft werden oder an den Wochenenden. Hier versuche man auf die unterschiedlichen Bedürfnisse zu achten: So soll sich die arbeitende Bevölkerung, also die unter 65-Jährigen, ausserhalb der Arbeitszeiten impfen können.

«Wir stimmen die Impfkapazität und damit auch die Öffnungszeiten auf die verfügbaren Impfdosen ab.»

Lina Lenz, Gesundheitsdirektion Zürich

Ähnlich ist es im Kanton St.Gallen. Nächsten Monat seien drei Impfzentren je einen Tag geöffnet, das Zentrum in der Stadt St.Gallen an zwei Tagen, sagt Mediensprecher Clemens Nef. Im April sollen im Kanton 40'000 Dosen verimpft werden. «Sobald mehr Impfstoffe verfügbar sind, bauen wir die Kapazitäten aus und impfen an weiteren Tagen.»

In Zürich würden einzelne Impfzentren von Anfang an Termine in den Abendstunden und am Samstag anbieten, sagt Lina Lenz von der Gesundheitsdirektion Zürich. Die Zentren öffnen am kommenden Dienstag, 6. April.

Auch in Zürich gelte das Kredo: «Die Impfkapazität und damit auch die Öffnungszeiten der Impfzentren werden auf die verfügbaren Impfdosen abgestimmt», so Lenz. Es sei möglich, dass die Öffnungszeiten erweitert werden.

3. Personal: Genug aber nicht zu viel

Die Impfzentren in Bern seien zurzeit zu 40 Prozent ausgelastet, sagt Gundekar Giebel von der Gesundheitsdirektion. Schon beim Impfstart im Januar habe man zusätzliches Personal für die Impfungen rekrutiert.

Weil zurzeit wenig geimpft werden könne, werde das Personal nicht ständig eingesetzt: «Das rekrutierte Personal arbeitet zurzeit in kleineren Pensen, damit die Leute nicht aus der Übung kommen», so Giebel. Aktuell würde kein weiteres Personal für die kommenden Monate mit mehr Impfdosen rekrutier, denn es seien noch Personen vom letzten Aufruf verfügbar, die man noch nicht berücksichtigen konnte.

Im Kanton Zürich sucht man nach medizinischem und administrativen Personal für die Impfzentren. Lina Lenz von der Gesundheitsdirektion sagt, dass sich Interessierte auf der Website «Coople» bewerben können. «Über die Plattform haben sich bisher über 1‘000 Personen für die Mitarbeit in einem Impfzentrum registriert», so Lenz.

Auch der Kanton Graubünden rechnet damit, dass er noch zusätzliches Personal für seine Impfzentren rekrutieren wird. «Bisher haben sich viele pensionierte Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegefachpersonal bei uns gemeldet und ihre Hilfe angeboten», sagt Leuthold. Deshalb habe man bis jetzt auch keine Plattformen oder andere Bewerbungskanäle benötigt.

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